„Genfer Initiative“ Rezensionen

E - H

Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig (Hg.)

Teaching History in the Middle East / Geschichtsunterricht im Nahen Osten,
in „Internationale Schulbuchforschung / International Textbook Research“ vol. 25 (2003) 4.

Die Beiträge von

  • Salem Aweiss: History teaching in the Palestinian context: confronting the interpretive paradox;
  • Falk Pingel: No highway on the road-map to peace. A re-assessment of Israeli Palestinian textbook studies supported by the Georg Eckert Institute;
  • Eli Podeh: Recognition without legitimization: Israel and the Arab-Israeli conflict in Egyptian in history textbooks; und
  • Jonathan Kriener: Palestinian school textbooks: between international polemics and national apologia,

in der jüngsten Ausgabe dieser Zeitschrift unterstreichen noch einmal, dass die „Genfer Initiative” ohne die Begleitung revidierter schulischer Curricula auf schwankendem Boden steht. Dazu zitiert Pingel aus einer früheren Studie den Satz: „The existing textbooks contain misconceptions, exaggerations, distortions and other unrealistic elements that contribute to the perpetuation of the conflict, stereotyping has become the rule and objectivity the exception.“

Reiner Bernstein

Eldar, Akiva, and Nimrod Goren

The Jerusalem Capital Ambush The Political Maneuvers to Relocate the American Embassy in Israel (Hebr.)
The Jerusalem Institute for Israel Studies 2003.

Die Autoren haben ein hochinteressantes Buches geschrieben, dass die Komplexität von innen- und außenpolitischen Einflussfaktoren herausarbeitet und verschiedene theoretische Annahmen durchspielt. So beschreiben sie die jahrelangen Bemühungen von prominenten Republikanern in Abstimmung mit Angehörigen der israelischen und der jüdischen Rechten in den USA, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, und vertreten die Ansicht, dass beide Gruppen mit dieser Initiative Bill Clinton, Yitzhak Rabin und dem Osloer Prozess schaden wollten. Der Rezensent, der damals israelischer Botschafter in Washington war, erinnert sich daran, wie verlegen er namens seiner Regierung reagierte, die dieses Vorgehen nicht wollte, ihm aber auch nicht entgegentreten konnte. Gleichzeitig war klar, dass im Falle eines positiven Votums im Kongress die Washingtoner Administration Wege finden würde, es zu umgehen. Doch nach dem Fehlschlag von Camp David dachte auch Clinton einen Moment daran, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, um Barak zu helfen.

Rezension von Itamar Rabinovich in „Haaretz“-online 8.8.2003.

Ellis, Marc H.

Toward a Jewish Theology of Liberation.
The Challenge of the 21st Century.

Third expanded edition.
Baylor University Press Waco, Texas 2004. 260 S.

Ellis’ Überzeugungen lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Die Geschichte des jüdischen Volkes sei voller Qualen und Kämpfe. Deshalb sei die Ablehnung der gegenwärtigen Politik Israels folgerichtig.

Dass sich der Sohn des in Waco amerikanische und jüdische Studien lehrenden Autors kurz nach Ausbruch der zweiten „Intifada“ in einer Widmung für den Vater öffentlich gegen die Rede eines israelischen Konsuls verwahrte, weil dieser die Ebenbürtigkeit der Palästinenser im Konfliktgeschehen behauptet hatte, verweist auf den Adressaten, für den Ellis schreibt – das amerikanisch-jüdische Publikum. Dort haben sich trotz kritischer Medienberichte Vorstellungen tief eingegraben, die mit den Realitäten im Nahen Osten wenig gemein haben und deshalb für Ellis und andere eine zwingende politisch-intellektuelle Herausforderung darstellen. Dabei kämpfen der Autor und eine Reihe jüdischer Organisationen publizistisch und pädagogisch aus einer Situation des doppelten Exils heraus für ihre Grundsätze: Sie leben nicht in Israel und zugleich außerhalb des „Jewish mainstream“ in Amerika. Ellis vermittelt seinen Lesern einen Eindruck, wie hart die Gegensätze in den Gemeinden seit langem aufeinanderprallen.

„Arbeite unablässig daran, gegen den Kreislauf der Gewalt und der Brutalität zu sprechen,“ antwortet der Vater seinem Sohn in bewegenden Zeilen. „Schweige niemals im Angesicht der Ungerechtigkeit. Benutze niemals das Leiden unseres Volkes, um anderen Leiden zu verursachen. Denn es würdigt jene herab, die heute leiden, und es würdigt unsere Reise als Volk herab.“ Im Mittelpunkt steht der Vorwurf, dass die israelische Politik das Wort Gottes, das die Regierung unentwegt im Munde führe, anstößig missbrauche. Ohne diese jüdischen Stimmen der Mahnung zu menschlichem Verhalten wären wir Christen ärmer, unterstreicht Desmond Tutu in seinem Vorwort – nicht ohne Sorge, dass ihm seine frühere Kritik an der israelischen Unterstützung für das südafrikanische Apartheid-Regime auch diesmal als Antisemitismus ausgelegt werden könnte. „Ich bete, dass wir alle deutlich zwischen der israelischen Politik und dem israelischen oder dem jüdischen Volk unterscheiden können“. Gott lasse seiner nicht auf ewig spotten, spielt Tutu auf die ethischen Kosten der fortgesetzten Okkupation an. Ellis selbst bemüht den Historiker Arthur Hertzberg mit den Worten, das jüdische Volk werde nicht aufgrund seiner Schwäche oder seiner Stärke überleben, sondern allein durch Gerechtigkeit, und schließt sich dem Urteil des Herausgebers der amerikanisch-jüdischen Monatszeitschrift „Tikkun“, Michael Lerner, an, für den Israels Politik den übelsten Lügen über das Judentum Vorschub leistet.

Ohne die tiefen Verletzungen des jüdischen Volkes sowie die historischen und aktuellen Gefühle der Isolation in einer feindlich gesinnten Welt zu leugnen – es fällt das Wort „Holocaust Kingdom“ –, will Ellis mit seiner „Theologie der Befreiung“ die Juden aus der tiefen Krise herausführen, bei der es nur vordergründig um Israel und Palästina, tatsächlich jedoch darum gehe, was es bedeute, jüdisch zu sein – nach der Shoah die Fortdauer des Bundes mit Gott zu bezeugen und das Vertrauen in die menschliche Solidarität wiederzugewinnen. Wenn Ellis besonders im Anschluss an Emil Fackenheim auf die Dialektik zwischen Auschwitz und Jerusalem – Symbole der totalen Ohnmacht und der Erringung politischer Dominanz als Zeichen der Treue Gottes gegenüber den Ermordeten – verweist, dann lässt sich seine Enttäuschung erahnen, dass das politische Israel den Aufruf nicht hören will, aus der Katastrophe die angemessenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die Horizonte stehen für den Autor voller Wolken, wenn der Antisemitismus der Nazis mit der Auflehnung der Palästinenser – der irrationale Hass und der begründete Widerstand – auf dieselbe Stufe gestellt wird: „Das Streben, Opfer zu bleiben, ist ein Beweis der Krankheit; aber zu einem Eroberer zu werden, nachdem man ein Opfer war, ist ein Rezept für den moralischen Selbstmord.“ Die jüdischen Neokonservativen hätten sich einer Definition jüdischer Interessen bemächtigt, die das haggadische Exodus-Paradigma „Auch wir waren Sklaven in Ägypten“ nicht zur Demut anhalte, sondern zur triumphalistischen Arroganz verleite. Welche Geschichte sollen wir unseren Kindern überliefern? fragt Ellis. Er beantwortet sie in sieben normativen Schritten:

  1. Die jüdische Theologie zwischen Universalismus und Partikularismus brauche eine Besinnung auf die jüdische Tradition, die der Welt dienen wolle.
  2. Die jüdische Theologie bedürfe eines kritischen Diskurses, der sich im Lichte historischer Vorgänge der Verantwortung stelle.
  3. Die jüdische Theologie brauche die gleichberechtigte Inklusion aller religiösen Strömungen und beider Geschlechter, der Erneuerung des gemeindlichen Lebens und der Abwehr des politischen und religiösen Neokonservativismus – des „evangelikalen Judentums“.
  4. Die jüdische Theologie müsse das Überleben des jüdischen Volkes mit der Wahrung seiner Botschaft ausbalancieren.
  5. Die jüdische Theologie verlange die private und öffentliche Wiederentdeckung des jüdischen Zeugnisses gegen politischem Götzendienst – auch als wesentliches Bindeglied zu religiösen und humanistischen Gemeinschaften des guten Willens in aller Welt.
  6. Die jüdische Theologie müsse im Grundsatz ein Aufruf zur Umkehr sein: Verpflichtung und Solidarität als Voraussetzung, den Weg der Geschichte des Unheils zu ändern.
  7. Die jüdische Theologie müsse dafür sorgen, dass Juden ein Schule entwickeln, die im Exil gedeihen könne – in einer „neuen Diaspora“ –, weil der „mainstream“ in den USA und in Israel nach dem Vorbild des frühmittelalterlichen Christentums den Weg in ein Konstantinisches Judentum der Herrschaft eingeschlagen habe.

Ob diese Vorgaben realistisch sind, wagt Ellis unter den gegebenen Umständen der Marginalität seiner Theologie der Befreiung nicht eindeutig zu beantworten. Doch glaubt er sich und seine Mitstreiter in diesem Kampf nicht allein: Die Befreiungsbewegungen in Guatemala, Nicaragua, El Salvador und Südafrika böten Anlass zur Hoffnung.

Manche Längen, Wiederholungen und Detaillierungen legen den Eindruck nahe, dass der Autor einen nachzuholenden Informationsbedarf vermutet. Wenn sich allerdings bei der Aufzählung von Namen die Fehlerquote häuft („Keriuk“ statt Kaniuk, „Garrison“ statt Gavison, „Yigail Amir“ statt Yigal Amir, „Simone Weil“ statt Simone Weill, „Hashmer Hatzair“ statt Hashomer Hatzair, „Aharon Cizling“ statt Aharon Zisling), wenn sogar die Schreibweise von Hitlers Vornamen („Adolph“) unbekannt ist oder wenn die israelischen Autoren Yosef Sharon und Harold Shimel selbst Literaturkritikern nichts sagen, während Ellis glaubt, Michael Walzer und Walter Benjamin vorstellen zu müssen, dann stellt sich beim Leser eine gewisse Verlegenheit ein. Gegenüber der ersten Auflage von 1987 hätte die vorliegende Fassung ein durchsetzungsfähiges Verlagslektorat verdient.

Reiner Bernstein

Ellis Marc H

Israel and Palestine Out of the Ashes
The Search for Jewish Identity in the Twentieth Century

Pluto Press London 2002.

Der Autor, der an der Baylor University (Waco/Texas) amerikanische und jüdische Studien unterrichtet, zieht aus der „Shoah“ eine andere als die nationalstaatlich-zionistische Konsequenz. Vielmehr tritt er für ein Judentum und für ein jüdisches Leben ein, das für die Juden „die Möglichkeit eines ethischen Weges in der Welt unter Beweis stellt“. Insofern knüpft Ellis an die Traditionen des jüdischen Universalismus des 19. Jahrhunderts mit der Frage an: Sind wir nicht alle – Juden, Christen und Muslime – in unserer Zeit aufgerufen, prophetisch im Sinne des Kampfes gegen Ungerechtigkeit und repressive soziale Strukturen einzutreten? Die Geschichte habe, hat an anderer Stelle der französisch-jüdische Religionsphilosoph André Neher (1914 – 1988) die damaligen jüdischen Repräsentanten der politischen und sozialen Emanzipation referiert, einen „messianischen Pfeil in sich“, von dem angenommen worden sei, dass er nicht fehlgehen könne. Ellis nimmt diesen philosophischen Grundgedanken wieder auf und übersetzt ihn in die Gegenwart des Nahen Ostens mir der Forderung, so wie die Juden aus der Asche von Auschwitz in den Staat Israel aufgestiegen seien, so sei für die Palästinenser nur dann Rettung in Sicht, wenn das Volk Israel ins Zentrum des jüdischen Lebens zurückkehre, zur Gerechtigkeit.

Diese Konzeption scheint von den Palästinensern selbst keine weitere Eigenleistung als die zu verlangen, ihrer Hoffnung auf einen souveränen Nationalstaat abzuschwören, während er die politische Verantwortung für sie auf Israel überträgt. Insofern nimmt der Autor den Faden auf, den er schon einmal in seiner 1990 erschienenen Schrift „Beyond Innocence and Redemption: Confronting the Holocaust and Israeli Power. Creating a Moral Future for the Jewish People” geknüpft hat, als er die These vertrat, dass der totalen Schwäche in der Phase der „Shoah“ übergangslos der Vollbesitz der Macht gefolgt sei, die ihrerseits eine jüdische Identitätskrise mit paranoiden Aspekten ausgelöst habe. Folgerichtig vertritt Ellis für den Raum zwischen Mittelmeer und Jordansenke einen binationalen Ansatz. Dabei müsse die Staatsbürgerschaft für die Angehörigen beider Völker über der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit stehen.

Reiner Bernstein

Encke, Werner und Udo Steinbach

unter redaktioneller Mitarbeit von Renate Laut (Hg.)

Der Islam in der Gegenwart. Entwicklung und Ausbildung, Kultur und Religion, Staat, Politik und Recht.
C.H. Beck Verlag 5., aktualisierte und erweiterte Aufl. 2005. 1064 S., 15 Abb. + 1 Karte. 49,90 Euro.

Das erstmals 1984 erschienene Nachschlagewerk, das nunmehr in fünfter Auflage vorliegt, setzt das in den letzten zwei Jahrzehnten gewachsene Interesse am Islam monumental um. So sei, wie die beiden Herausgeber einleitend schreiben, der Islam bei uns zu einem der bestimmenden Faktoren in der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung sowie in der Diskussion um die Ordnungsvorstellungen in seinen Ursprungsländern geworden, die zugleich das weit verbreitete Bild von einer monolithischen Religion mit spezifischen, um nicht zu sagen: radikalen politischen Interessen in die Schranken weisen. Zum anderen werfe der Islam durch die millionenfachen Wanderungsbewegungen seiner Gläubigen nach Europa grundsätzliche Fragen der Integration auf, von islamophobischen Anwandlungen besonders nach dem 11. September 2001 ganz zu schweigen.

Während, so betonen die Herausgeber, die meisten einschlägigen Veröffentlichungen eine möglichst große deutsche Öffentlichkeit zu erreichen suchen und dementsprechend auf die Interaktion von Religion und Gesellschaft im Horizont der Geschichte(n) in der islamischen Welt entscheidenden Wert legen, haben sie sich für eine – wie sie schreiben – „bescheidenere, zugleich aber auch weitreichende Zielsetzung“ entschieden: die Vermittlung einer umfassenden Information über die Rolle des Islam in der Gegenwart seiner „Heimatländer“ in den Vordergrund zu rücken und gleichzeitig auf die Stellung der Migranten in europäischen Mehrheitsgesellschaften einzugehen. Bescheiden fügen Werner Encke (Freiburg) und Udo Steinbach (Hamburg) hinzu, dass es ihnen nicht um wissenschaftliche Monographien gegangen sei, dass jedoch trotz des Verzichts auf die Präsentation neuer Erkenntnisse der wissenschaftliche Forschungs- und Wissensstand eingearbeitet wurde. Dieser Anspruch ist gelungen.

Gemäß der selbstdefinierten Ausgangslage ist das Werk in drei große Teile gegliedert: in fünf Beitrage zur historischen Ausbreitung, zur Politik und zur Religionsgeschichte; in zwölf Beiträge zur politischen Rolle des Islam in der Gegenwart; und in sieben Beiträge zur islamischen Kultur und Zivilisation in der Gegenwart. Ergänzt wird das Handbuch durch ein umfangreiches, gegliedertes Literaturverzeichnis und durch ein Personen-, Sach- sowie ein (selten genug!) geographisches Register. Für alle Teile wurden bekannte Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland gewonnen. Besonders der mittlere Teil, der nicht weniger als 84 Aufsätze umfasst, dürfte das Interesse des Lesepublikums finden, zum einen weil hier Probleme der Wirtschafts- und Sozialordnung, der Rechtsentwicklung, der Gender-Thematik, der religiösen Bewegungen sowie der nationalen und internationalen Organisationsformen des Islam entfaltet werden und zum anderen weil die Perspektiven von Marokko über das Horn von Afrika, den indischen Subkontinent bis nach Südostasien und die Volksrepublik China reichen. Zu den Kernlanden des Nahen Ostens haben sich Alexander Flores (Ägypten), Thomas Philipp (Israel und die palästinensischen Gebiete), Andreas Christmann (Syrien), Henner Fürtig (Irak), Renate Dieterich (Jordanien), Axel Havemann (Libanon) und Guido Steinberg (Saudi-Arabien) sachkundig geäußert. Dass dabei manches ein wenig kursorisch geriet, ja möglicherweise ausfallen musste, ist auf den begrenzten Textraum und den daraus entspringenden Übersichtscharakter zurückzuführen. Gleichsam als Kompensation werden Materien und Regionen abgedeckt, die andernorts vergeblich gesucht werden. Durch die Unterstützung der Robert Bosch Stiftung ist der Verkaufspreis für das voluminöse Werk erfreulicherweise überschaubar geblieben.

Reiner Bernstein

Enderlin, Charles

Shattered Dreams
The Failure of the Peace Process in the Middle East 1995–2002

Other Press New York 2002. 459 S.

Die Arbeit des französischen Journalisten stützt sich auf Pressematerialien, Interviews mit den Akteuren und auf die Auswertung ihrer veröffentlichten Niederschriften. Charles Enderlins Berichterstattung beginnt mit dem Jahr 1993 und endet mit der zweiten „Intifada“, die eine „Kettenreaktion“ der Gewalt auslöste. Hinzu kommen eine Zeitleiste, farbige Karten und Fotografien sowie die Reproduktion einiger UN-Resolutionen und der Texte der Prinzipienerklärung und des „Wye River Agreement“ von 1998.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt zunächst auf der Amtsperiode Benjamin Netanyahus (1996 – 1999), bevor der Autor die Verhandlungen in Camp David (Juli 2000) und die endgültige Zerstörung aller Friedenshoffnungen seit Ausbruch der „al-Aqza-Intifada“ Ende September 2000 in voller Breite dokumentiert. Zu Camp David bietet Enderlin aufgrund des Studiums der verfügbaren Literatur einen guten Einblick in die sich von Tag zu Tag fortschleppenden Verhandlungen, das generelle tiefe Misstrauen und die zum Teil eisige Atmosphäre. Aber auch die unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der Delegationen finden angemessenen Raum. Insofern bestätigt Enderlin bis in Details hinein Baraks Taktik, die Kompromissfähigkeit Arafats auf die Probe zu stellen, Arafats Verzicht auf eigene Vorschläge und den Zorn, der Clinton bisweilen zu überwältigen drohte. Alle Parteien bestanden auf einem umfassenden Schlussabkommen und endeten im Desaster.

Das Buch ist in guter journalistischer Tradition flüssig geschrieben, doch ist die mangelnde Intimität mit Camp David nicht zu übersehen, die den Büchern von Yossi Beilin, Menachem Klein und Dennis Ross eigen ist – auch wenn Enderlin durch wörtliche Übersetzungen aus hebräisch- und arabischsprachigen Beiträgen den Eindruck erweckt, selbst direkt neben den Protagonisten des Geschehens gestanden zu haben. Die wohl eindrücklichste Passage zitiert Enderlin am letzten Verhandlungstag in Camp David, dem 24. Juli, als Saeb Erekat den „Führer der Welt“ Bill Clinton beschwört, den Palästinensern nicht zu drohen: „Wir haben keine Lobby, welche die Lage in Washington beeinflussen kann. Wir verstehen Ihre strategischen Allianzen, Ihre Allianz mit Israel und dass Israel ein Teil des politischen Lebens in den Vereinigten Staaten ist... Wir sind keine Feinde Israels. Wir haben Israel anerkannt. Aber wir wollen, dass Sie verstehen, dass wir gegen die Besatzung sind.“

Reiner Bernstein

Finkielkraut, Alain

Feind aus besten Absichten,
in FAZ 12.11.2003, S. 39.

Der zu den prägenden Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens in Frankreich zählende Philosoph übt herbe Kritik an den Globalisierungsgegnern, die sich im November 2003 zum Europäischen Sozialforum in Paris trafen. Diese „Altermondialisten“, so Finkielkraut, würden der alten Gefahr erliegen, mit der Übernahme von Verschwörungstheorien antisemitische Vorurteile zu bedienen, indem sie behaupten, dass der amerikanische Irak-Krieg die Wunschvorstellung der israelischen Regierung gewesen sei. „Ich hatte große Vorbehalte gegen den Krieg im Irak. Aber mein Platz war nicht unter den Demonstranten, die ›Busharon – Mörder‹ geschrieen haben. Warum nicht Bush-Blair oder Bush-Berlusconi?“ Durch die Optik der Dualität „Nazi und Opfer“, die die Pluralität in dieser Welt leugne, werde jetzt der Palästina-Konflikt gedeutet, und weil die Israelis die stärkeren seien, erfolge die Gleichsetzung mit den Nazis und den Rassisten. „Ich habe lange gebraucht, bis ich merkte, dass sich der Antisemitismus inzwischen in der Sprache des Antirassismus und im Namen der Menschenrechte artikuliert. Antirassismus ist zur Ideologie geworden, das heißt zu einem System, das die ganze Welt global erklärt.“ Auch wenn die Globalisierungsgegner behaupteten, dass sich ihre Kritik ausschließlich gegen die israelische Politik richte, lasse sich ihr manichäisches Weltbild nicht in Abrede stellen, denn sie ersetzten den Judenstern durch das Gleichheitszeichen zwischen Hakenkreuz und Davidstern. Finkielkraut schließt mit dem pessimistisch stimmenden Satz, dass er zum ersten Mal das Bedürfnis verspüre, unter Juden zu sein, nachdem „die Welt zu einem einzigen Tribunal“ gegen sie geworden sei.

Reiner Bernstein

Firer, Ruth and Sami Adwan

The Israeli-Palestinian Conflict in History and Civic Textbooks of Both Nations,
ed. by Falk Pingel.

Studien zur internationalen Schulbuchforschung.
Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts, Band 110/1. Hannover 2004. 176 pp.

Vor kurzem hat Jonathan Kriener, Mitarbeiter des Georg-Eckert-Instituts, in dieser Homepage einen Beitrag veröffentlicht, in dem er den Einfluss der Politik auf die israelischen und palästinensischen Schulbücher untersuchte. Nun kommt aus dem Institut eine ansehnliche Untersuchung über die historischen Dimensionen des Konflikts und ihre aktuellen Niederschläge in Schultexten auf beiden Seiten. Wer sich mit den Perspektiven einer „Kultur des Friedens“ zwischen Israelis und Palästinensern ernstlich befasst, so sei auch an dieser Stelle wiederholt, muss die ideologischen, auf die Manipulation von Geist und Gewissen ausgerichteten Prämissen untersuchen, um die Voraussetzungen für einen politischen Ausgleich zwischen beiden Völkern zu schaffen.

Alles, was uns über israelische und palästinensische Schulbücher bekannt war, so wird im Vorwort betont, beruhte auf vereinzelten Zitaten und ließ eine zusammenhängende Betrachtung unterschiedlicher curricularer Bedingungen und Lehrmethoden vermissen. Diesem Mangel hilft die Studie, deren Vorarbeiten in das Jahr 1990 zurückreichen, in hervorragender Weise ab. Friedenserziehung ist keine wertfreie Betätigung, insbesondere für die intellektuelle Entwicklung der Altersstufe zwischen dreizehn und achtzehn Jahre nicht, heben Ruth Firer und Sami Adwan unter Rückgriff auf die UNESCO-Verfassung hervor. Schulische Erziehung sei eines der mächtigsten Werkzeuge zur Übertragung von nationaler Identität, Werten, Prinzipien, Wünschen, Symbolen und Stereotypen, zumal wenn sie als „verborgener Text“, „unterschwellige Tagesordnung“ und als „fehlender Text“ daherkomme.

Die Ergebnisse der Untersuchungen für die israelische Sekundarstufe (die ultrareligiösen Curricula bleiben unberücksichtigt) sind ernüchternd. So bilanziert die Direktorin des „Peace Education Center“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Harry S. Truman Institute for the Advancement of Peace“ an der Hebräischen Universität in Jerusalem, dass trotz bemerkenswerter Änderungen in den vergangenen Jahren der Zionismus für die Erziehung als Grundlage und Rahmen für die Staatsideologie und die Politik herangezogen wird:

„The Zionist claim is that Jews have ancient rights to the land (Eretz Israel) that God promised them (secular Israelis rather rely on ancient history). According to the Jewish heritage (the Bible–Old Testament and history), the Jews inhabited this land long before the Palestinians.”

Ein solches Grundverständnis schlägt sich in Zeiten erhöhter Spannungen besonders darin nieder, dass Friedens- und Anti-Gewalt-Erziehung weder von den Behörden legitimiert wird noch bei Lehrern und Eltern Anklang findet, sondern sich sogar gegen die Vorhaltung des nationalen Verrat wehren muss. Vorwürfe der nationalen Unzuverlässigkeit reichten so weit, dass sich die „neuen Historiker“ seit den achtziger Jahren mit ihrer These, wonach der Zionismus 1948 seine geschichtliche Rolle erfüllt habe, Tiraden gefallen lassen mussten, sie würden die Bedeutung der Shoah erschüttern oder sie gar leugnen. Da es sich bei den Palästinensern nicht um ein Volk mit nationalen Ansprüchen handele, interpoliert Firer aus solchen Sichtweisen, wurde ihr Widerstand gegen die jüdische Siedlung im Lande lediglich als „Vorfälle“ und als „Revolte“ von „Aufständischen“ charakterisiert. Mithin wären die Palästinenser für ihren Exodus 1947/48 selbst verantwortlich. Diese Projektion lebte noch bis in die Regierungszeit Netanyahus fort (vgl. Reiner Bernstein: Der verborgene Frieden, Berlin 2000, S. 65). Mit ihr wurde erst seit der zweiten „Intifada“ gebrochen, als Begriffe wie „Krieg“ gegen die „Mörder“ und die „Feinde des Friedens“ in offiziellen Verlautbarungen Verwendung fanden. Der Antagonismus brach sich in verbalen Eskalationen Bahn. Nationale Ansprüche der Palästinenser waren nicht länger zu übersehen, desto deutlicher musste man sich gegen sie verwahren.

Dennoch, so schließt Firer ihre Studie, hat sich der Trend nicht aufhalten lassen, dass neue Narrative in jüngste Schulbuchausgaben Eingang gefunden haben, in denen zum einen sich das bisher negative Bild der Palästinenser und ihrer Nationalbewegung zum Positiven hin verändert habe und zum anderen die jüdische Geschichte in die allgemeine Geschichte eingebettet worden sei, auch wenn manche Fachleute die geringe Tiefendimension der Revision monierten. Dass weitere Rückschläge nicht ausgeschlossen sind, hat die gegenwärtige Erziehungsministerin Limor Livnat mit ihrer Mahnung zu verstärktem jüdischem Patriotismus und dadurch unter Beweis gestellt, als sie Yossi Beilin und seinen Mitstreitern der „Genfer Initiative“ den Besuch in Schulen untersagte (vgl. die Eintragung unter dem 09.03.2004 in der Rubik „Kontexte“ auf dieser Homepage).

Der an der Universität Bethlehem lehrende Pädagoge Sami Adwan weist eingangs darauf hin, dass das Erziehungssystem in der Westbank und im Gazastreifen zwischen 1949 und 1967 unter jordanischer bzw. ägyptischer Kontrolle und Verwaltung stand, so dass von palästinensischen Schülern die dort gebräuchlichen Textbücher verwendet wurden. Nach dem Sechstagekrieg habe der Status quo fortgegolten, doch seien die Textbücher der israelischen Zensur unterworfen, andere sogar vollständig verboten worden. In der gegenwärtigen dritten Phase der curricularen Entwürfe für beide Altersstufen zwischen sechs und 17 und zwischen 17 und 18 Jahre, die nach den Osloer Vereinbarungen einsetzte und die Autoren keinen Vorgaben in ihren Darstellungen unterwarf, gehe es um die unabhängige Identität in Beziehung zu Menschenrechten und Demokratie, um palästinensische Werte und Traditionen, um die islamische Religion, um das Flüchtlingsschicksal im Krieg von 1948 und um den nationalen Befreiungskampf seit der ersten „Intifada“. In allen Texten, so Adwan, werden die Palästinenser als Opfer der Israelis, Zionisten, jüdischen Gruppen und bisweilen der Briten vorgestellt.

Diese Beobachtung steht in einem gewissen Widerspruch zu Adwans Eingangsbemerkung, dass es in neueren Schulbüchern um die Überwindung von Stereotypen gegen Israelis und Juden gehe. Er wird noch einmal verstärkt, wenn der Autor Zitatstellen über jüdisches Leben in NS- Deutschland anführt: „Eines der Prinzipien der Nationalsozialistischen Partei ist die Befreiung Deutschlands von den Juden“ und „...Deutschland von allen degenerativen Elementen, besonders den Juden, zu reinigen“. Ausführungen wie diese fügen sich in die Schilderung von Vorgängen um das Epochenjahr 1948 ein. Über die „Einwanderer“, „Kolonisten“ und „Besatzer“ heißt es: „Palästinensische Städte und Dörfer wurden von Juden angegriffen, die allbekannte Massaker gegen die Bewohner wie in Deir Yassin und Quibiyeh verübten.“ Damit wird der Eindruck erweckt, als ob es keine arabische Mitverantwortung für die kriegerischen Auseinandersetzungen gegeben habe. Zu Recht weist Adwan deshalb auf Unklarheiten hin. Demgegenüber werden Vorgeschichte, Ausbruch, Verlauf und Ergebnis des Junikrieges erstaunlich balanciert dargestellt. Der Aufstieg der PLO und deren Anerkennung als einziger legitimer Vertreterin des palästinensischen Volkes auf der arabischen Gipfelkonferenz 1974 sind ein Ausdruck des nationalen Stolzes.

Zusammenfassend macht Adwan darauf aufmerksam, dass die Schulbuchtexte der neuen Generation in einem kritischen Moment der palästinensischen Geschichte geschrieben worden sind: Die Palästinenser verfügen über keinen eigenen Staat, die Friedensvereinbarungen (gemeint sind „Oslo I“ und „Oslo II“ von 1993 und 1995) haben nicht die erhofften Rechte gebracht, die schließlich die israelische Okkupation beenden und eine friedliche Regelung des Konflikts herbeiführen. Desto eindringlicher werden die Schüler mit der palästinensischen Hymne vertraut gemacht:

„Fedayee, fedayee, fedayee (Opferwilliger). My land, the land of the grandfathers.

Fedayee, fedayee, fedayee. Mypeople, the eternal people.

I swear under the flag, with my people resisting the pain of the fire,

I will live and continue to be a fedayee and dies as a fedayee until it returns.

Fedayee, fedayee, fedayee. My land, the land of the grandfathers.

Fedayee, fedayee, fedayee. My people, the eternal people.”

Der in Gaza-Stadt arbeitende Psychiater Eyad al-Sarraj, der das dortige „Community Mental Health Programme“ leitet, hat einmal darauf hingewiesen, dass die Selbstmordattentäter von heute die Kinder der Intifada-Aktivisten nach 1987 seien: „So wie sie aufwuchsen, vermischte sich ihre Identität mit der nationalen Identität von Demütigung und Niederlage, und sie vergelten jene Niederlage auf der persönlichen und der nationalen Ebene.” Bei einer anderen Gelegenheit wies el-Sarraj den Vorwurf der antiisraelischen Indoktrination in den Schulen mit der Bemerkung zurück, dass die Besatzung die beste Lehrmeisterin der Kinder sei, dazu brauche es keine Bücher.

Firer und Adwan kommen zum Ergebnis, dass die Narrative von Israelis und Palästinensern zwei unterschiedliche Geschichten erzählen. „Die anderen“ seien immer die Schuldigen. Während es die israelischen Texte vermeiden, von den „palästinensischen nationalen Gebieten“ zu sprechen, unterlassen die palästinensischen Texte den Begriff „Staat Israel“. Dieses Strategie der Ausgrenzung ist die einzige Symmetrie im Land der zwei Völker. Die Autoren schließen mit Empfehlungen zur differenzierten Verwendung von Sprache, zur Förderung der friedlichen Koexistenz und mit pädagogischen Hinweisen. Sie lassen nicht nur eine enorme Arbeit bei der Schulbuchrevision erahnen, sondern erfordern auch den politischen Willen hierzu. Er ist nicht in Sicht.

Reiner Bernstein

Flores, Alexander

Die arabische Welt.
Ein kleines Sachlexikon.

Philipp Reclam Verlag Stuttgart 2003. 288 S.

Der in Bremen lehrende Autor befasst sich mit den geschichtlichen und religiösen Grundlagen, schildert die vormoderne und moderne Geschichte des arabischen Raums und beschreibt die Sozialstruktur, die Wirtschaft und die politische Gegenwart. Flores führt aus, die kulturelle und wirtschaftliche Misere werde von den Islamisten darauf zurückgeführt, dass die Herrschenden von der Sharia und damit vom Islam abgekommen seien. Hinzu treten demütigende Erfahrungen wie die „Einpflanzung Israels in die Mitte der arabischen Welt“, die Übervorteilung bei Erdölgeschäften und die Stationierung fremder Truppen. Aber auch die Tradition arabischer Selbstkritik findet in diesem Buch seinen Platz.

Reiner Bernstein

Frankenthal, Yitzhak

The Duty of American Jews,
in „Tikkun“ March/April 2004, S. 51 f.

Neue Hoffnungen für einen Frieden schöpft Yitzhak Frankenthal nach den jüngsten Äußerungen Ariel Sharons und seines Stellvertreters im Amt, Ehud Olmert, die erhebliche Kompromisse andeuten würden, nachdem sie in den vergangenen Jahren für eine Politik der harten Hand gegen die Palästinenser plädiert hätten. Im Gegensatz zum Erwachen im Lager des „Likud“ entdeckt der Begründer des israelischen „Elternkreises – Familienforum“, deren Angehörige bei terroristischen Anschlägen Kinder verloren haben, unter den amerikanischen Juden jedoch noch immer „Tagträume von einem Groß-Israel“. Dieser Einschätzung folgend, nennt Frankenthal sechs „gute Gründe“ zur Einmischung in die israelische Politik:

1. Israel sei die Heimat der Juden und nicht nur die Heimat der Israelis. Die Unabhängigkeitserklärung habe Israels Verantwortung für alle Juden der Welt betont. Deshalb seien die Juden außerhalb Israels für den Staat Israel mitverantwortlich.

2. Verantwortung gründe auf Bewertungen. Wenn die israelische Politik in die Irre führe, sei es Aufgabe, sie ohne Ängste zu kritisieren.

3. Gemäß der jüdischen Tradition seien die Juden füreinander verantwortlich und zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet. Deshalb hätten die amerikanischen und die israelischen Juden eine gemeinsame Verantwortung.

4. Was in Israel geschehe, habe Einfluss auf den weltweiten Antisemitismus, an dem alle Juden litten. Wenn die amerikanischen Juden von dem, was in Israel vorgehe, enttäuscht seien und dagegen aktiv würden, lasse sich die Enttäuschung abbauen.

5. Die israelische Regierung werde von Entwicklung in der internationalen Arena beeinflusst. Druck amerikanischer Juden kann deshalb mitentscheidend sein.

6. Zwischen Israelis und Palästinensern herrsche vollständiges Misstrauen. Deshalb brauche es eines Dritten. Solange die Besatzung andauere, würden die Palästinenser nicht gegen den Terror kämpfen, weil sie befürchteten, der Kollaboration und des Ausverkaufs ihres Landes beschuldigt zu werden. Andererseits werde Israel die Okkupation nicht beenden und den Palästinensern keine Unabhängigkeit geben, solange der entsetzliche Terror nicht aufhöre. Nur von dritter Seite könne allmähliches Vertrauen zwischen den beiden Seiten kommen. Als Brückenbauer kämen die amerikanischen Juden ins Spiel. Die amerikanischen Juden seien aufgefordert, die politische Führung in Washington zum Druck auf Israel zugunsten von Verhandlungen mit dem Ziel des Friedens zu ermutigen.

Frankenthal schließt mit der Zuversicht, dass künftige Tragödien vermieden werden können. „Lasst uns einseitige Schritte mit allem verhindern, was wir haben, weil sie eine Garantie für weiteres Blutvergießen sind.“

Reiner Bernstein

Goldberger, Ernest

Die Seele Israels
Ein Volk zwischen Traum, Wirklichkeit und Hoffnung

Verlag Neue Zürcher Zeitung Zürich 2004. 489 S.

Wer in den vergangenen Jahren die selbstkritische Introspektion versäumt haben sollte, die in Israel und in der jüdischen Welt gang und gäbe geworden ist, und wer sich nicht allein auf internationale Antisemitismus-Konferenzen verlässt, die im Kampf gegen die europäischen Feinde der Juden beim Nahostkonflikt die Motive palästinensischer Terrorakte übersehen, wird bei Ernest Goldbergers Buch gut aufgehoben sein. Es setzt sich, wie es scheint, aus unzähligen Zeitungsmeldungen zusammen, die systematisch gesammelt und ausgewertet worden sind. So werden wir mit einer großangelegten Generalkritik konfrontiert, bei der auch Themen wie Umweltzerstörung, Verkehrschaos und Wasserverschwendung nicht ausgespart sind. Da für Goldberger der Feind im Innern wohnt, werden die Palästinenser als Gegner kaum thematisiert. Nur kurz wird auf die Mordtaten von „Hamas“ eingegangen, denen jedoch das Argument folgt „Es darf aber dabei nicht übersehen werden...“ Zumindest wäre ein Wort wünschenswert, welche katastrophalen psychologischen Auswirkungen die Selbstmordattentate auf alle Teile der israelischen Gesellschaft haben und wie sehr sie ihr politisches Anliegen dort und in der Weltöffentlichkeit beschädigen.

Der Autor bemüht sich mit Erfolg, nicht die Shoah und die weiterwirkenden kollektiven Traumata als Erklärung der israelischen Gegenwart heranzuziehen. Vor einigen Jahren hatte Göran Rosenberg sein nicht minder dezidiertes Buch über die israelische Politik und ihre politisch-weltanschaulichen Grundlagen unter dem Titel „Das verlorene Land“ (Frankfurt am Main 1998) aus der Perspektive einer Familie von Überlebenden des Holocaust vorgelegt, dem jedoch die Empörung fehlte, die bei Goldberger ins Auge springt. Gleichwohl sucht der Autor mit apologiefreiem Blick nach Antworten, warum „[w]ie schon vor zwei Jahrtausenden (...) ein kleines Volk auf einem winzigen Stück Erde die Geschichte der Menschheit mit einem Gewicht“ beeinflusst, „das in keinem Verhältnis zu seiner zahlenmäßigen Bedeutung steht“. Was er dabei als den „Rausch der Allmacht“ diagnostiziert, mit dem die Israelis nach der jüdischen Geschichte der physischen Unterlegenheit seit dem Junikrieg 1967 schlecht umgehen können, haben Autoren wie David Biale und Marc H. Ellis schon für den Zeitraum zwischen 1945 und 1948 ermittelt: den bruchlosen Übergang von der totalen Ohnmacht der Überlebenden des Inferno zum Vollbesitz der Macht im neuen Staat. Hierin liegt die tiefe Tragik begründet: Der Kampf um die nationale Selbständigkeit begründete eine folgenreiche Unfähigkeit zu trauern.

Goldberger, ein Basler Unternehmer mit israelischer Präsenz, konzentriert sich in seiner flüssig geschriebenen Studie auf diese Arroganz der Macht, der nicht nur die Regierungen folgen. Idith Zertal („Nation und Tod“, Göttingen 2003) hat den militaristischen Grundtenor in der Politik Israels durch die gesamte Geschichte des Zionismus hindurch verfolgt, während Goldberger einen Alltagsansatz für seine These bevorzugt: Der Verwirklichung von humanistischen Wertvorstellungen stehen einflussreiche Faktoren entgegen: die unterschiedlichen Einwandererströme – „Es gibt kein integriertes Kollektiv und keine israelische Identität“ –, eine verfehlte Sozialpolitik, das ungeklärte Verhältnis zwischen Religion und Staat – der Autor hat an anderer Stelle Israel als eine „Halbdemokratie“ bezeichnet –, die an statistischen und genetischen Merkmalen festgemachte „demographische Gefahr“ für den jüdischen Charakter Israels, unter dem jeder etwas anderes versteht, die Zermürbung durch die Kriege und ihr Resultat, ein gewaltgeneigtes soziales Klima. Indem der Autor länglich über Verbrechen und Kriminalität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, über die Kluft zwischen arm und reich, über die materielle und moralische Korruption und über wirtschaftlichen Nepotismus berichtet, zeichnet er ein Horrorgemälde, das den Eindruck eines staatsgegossenen Irrwitzes hinterlässt.

Er wird vervollständigt durch einen „Kolonialismus im Namen Gottes“ als Signal der Entfremdung von den zeitlosen substantiellen Botschaften der Bibel zugunsten der politisch ungeschmälerten Souveränität des jüdischen Volkes über alle Teile des Landes Israel. Der politische Friede mit den Nachbarn ist demgegenüber eine vernachlässigenswerte Größe, eigene physische Gefährdungen sind im Heilsplan Gottes vorgezeichnet und unabwendbar. Wer sich der Moderne nicht beugt – Frauen in kurzen Röcken oder langen Hosen, Gegner des religiösen (sprich: orthodoxen) Zwangs, Personen, die dem „nationalen Konsens“ misstrauen –, hat mit sozialem Ostrazismus zu rechnen. Das Leben in Israel muss für den Autor eine einzige Zumutung sein, so dass sich die Frage stellt, warum er nicht längst in die Schweiz zurückgekehrt ist. Denn die Niederlage der ethischen Zionisten um Martin Buber, Hugo Bergmann, Ernst Simon und Judah L. Magnes scheint perfekt zu sein.

Rationalistische Gegenentwürfe zu den destruktiven Grundhaltungen aus Macht, Gewalt, Ausbeutung und Aggression haben einen fast aussichtslosen Stand. Das weiß auch Goldberger, und so fällt sein Plädoyer zugunsten der Vernunft desto dramatischer aus. Doch erst auf neun Seiten am Schluss des Buches werden „Israels stille Menschen“ gelobt, jene „bescheidenen, aufrichtigen, mitfühlenden und herzlichen Menschen in Israel, welche die Hoffnung in diesem Land am Leben halten“. Zu ihnen gehören eine freundliche lächelnde Beamtin, die Wehrdienstverweigerer in den palästinensischen Gebieten, Yitzhak Frankenthal und Nurit Elhanan-Peled, die trotz des Verlustes ihrer Kinder durch einen Terroranschlag für den Frieden mit den Nachbarn werben, David Forman von den „Rabbis for Human Rights“ und jene Personen, die sich für den Schutz von ausgebeuteten Gastarbeitern aus Europa, Afrika und Asien einsetzen. „Es ist kein Märchen“, schließt der Autor im Rekurs auf Herzl, „denn wir haben gewollt.“

Zur Begründung ist viel von Faschismus, einen „Führerkult“ um Sharon und von Rassismus die Rede. Die Orthodoxie vom Schlage der „Sefardischen Torawächter (Shas)“ und der „Nationalreligiösen Partei“, an denen Goldberger kein gutes Haar lässt, sind besonderer Aufmerksamkeit wert. „Sogar die Nazis waren da bescheidener“, schreibt Goldberger über die „ewigen“ Ansprüche Israels auf ganz Jerusalem, während die Nazis doch nur ein „Tausendjähriges Reich“ errichten wollten. Auch über andere Bewertungen wird man zumindest streiten müssen, so „Die Gesellschaft Israels hat viel verpasst und verloren, indem sie die Juden- zur Araberfrage werden ließ“, oder „Tel Aviv ist die wohl fußgängerunfreundlichste Stadt der westlichen Welt geworden“, doch Tel Aviv liegt eben im Nahen Osten.

Kleine Fehler haben sich bei Namensschreibungen (Walter Laqeur, Aaron Barak, Uri Avineri, Nurit Elhanam-Peled) eingeschlichen, andere Namen werden unterschiedlich transkribiert (Ziyad Abu Zayad oder Abu-Zayyad). Bei Umschriften von hebräischen Begriffen hätte sich die Unterscheidung zwischen „z“ und „tz“ angeboten. Das Wort „Charedim“ („Gottesfürchtige“) leitet sich nicht von „Cheret“ („Reue“), sondern von „Charada“ („Furcht“) ab. Zitierte englischsprachige Bücher wie von Shimon Peres sind seit langem auch in deutscher Übersetzung zugänglich. Beim „Haram al-Sharif“ hätte man sich die deutsche Übersetzung „Nobles Heiligtum“ gewünscht; die Moschee in Hebron ist nach Ibrahim („Abraham“) benannt und kann nicht mit der hebräischen Bezeichnung „Machpela“ (Doppel-Begräbnisstätte der jüdischen Patriarchen und ihrer Frauen) belegt werden. Beste Ortskenntnisse werden vorausgesetzt. Schließlich wäre dem Buch ein Personen- und Sachregister gut bekommen.

Reiner Bernstein

Greif, Gideon, C. McPershin, L. Weinbaum (Hg.)

Die Jeckes - Deutsche Juden aus Israel erzählen.
Böhlau Köln 2000. 318 S.

1920 veröffentlichte der Schriftsteller Arnold Zweig (1887 – 1968) das Werk „Das ostjüdische Antlitz“, mit dem er dem Ostjudentum ein Denkmal errichtete: „Mag der Zionismus als bourgeoise Bewegung begonnen haben... Seine Kraft, seine Bürgen sind die jungen zionistischen Sozialistenbünde, und ihrer ist die Wirkung“, schrieb er. 1924 trat Zweig der Redaktion der Jüdischen Rundschau bei, pflegte mit Sigmund Freud sowie Martin Buber einen lebenslang andauernden freundschaftlichen Briefkontakt und publizierte 1925 das Werk „Das neue Kanaan“, in dem er seine Identifikation mit dem Zionismus zum Ausdruck brachte. Dennoch formulierte er bereits damals seine Sorge um die friedliche Zukunft dieses im Entstehen begriffenen jüdischen Staates: „Das Nationale Heim der Juden wird nur in Palästina und nur unter dem Beifall der Araber Palästinas gebaut werden können“, formuliert er hellsichtig in Großbuchstaben.

1933 floh der 46jährige nach Palästina und ließ sich in Haifa nieder. Des Hebräischen weitestgehend unkundig, durch eine Sehbehinderung am Erlernen der Sprache zusätzlich behindert, wich seine anfängliche Euphorie rasch der Ernüchterung: Er fühlte sich in Eretz Israel als Schriftsteller zu wenig geschätzt, litt unter den bedrückenden ökonomischen Lebensverhältnissen, vermochte sich gesellschaftlich nicht zu assimilieren und verweigerte eine vollständige Identifikation mit dem Zionismus. Entmutigt schrieb er an Freud: „Bald funktioniert die Zentralheizung nicht, bald stank der Petroleumofen, bald lief der Regen zur Tür hinein und man mußte sie abdichten, wenn der Wind gewechselt hatte. ... Wir sind nicht bereit, unseren Standard aufzugeben, und das Land ist noch nicht bereit, ihn zu befriedigen. ... Ich mache mir nichts mehr aus dem Land der Väter. Ich habe keinerlei zionistische Illusion mehr. Ich betrachte die Notwendigkeit, hier unter Juden zu leben, ohne Enthusiasmus, ohne Verschönerungen und selbst ohne Spott.“

Auf einen weiteren Brief antwortete ihm Freud: „Ihr Brief hat mich sehr bewegt. Es ist nicht das erste Mal, daß ich von den Schwierigkeiten des Kulturmenschen höre, sich in Palästina einzuleben. Die Geschichte hat dem Judenvolk keinen Anlaß gegeben, seine Fähigkeiten zur Bildung eines Staates und einer Gesellschaft zu entwickeln. ... In Palästina haben Sie wenigstens persönliche Sicherheit und Ihre Menschenrechte. Und wo wollen Sie hingehen? Amerika würden Sie, nach all meinen Eindrücken, darf ich´s sagen, vielmehr unerträglicher finden. Überall sind Sie ein kaum geduldeter Fremder.“ Zweig blieb bis 1948 in Palästina; kurz vor der Staatsgründung Israels siedelte er in die DDR über.

Zweigs Ambivalenzen und Konflikte stehen repräsentativ für das schwierige Schicksal des Großteils der rund 70.000 Deutschen, die in den Jahren von 1933 bis 1939 Zuflucht in Palästina fanden. Sie bildeten ein wesentliches Element in der Entstehungsgeschichte des Staates Israel und wurden doch oftmals wegen ihres förmlichen Auftretens eher bespöttelt als wertgeschätzt. Hatten sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Aussehen ganzer Stadtviertel in Tel Aviv und Haifa geprägt, so sind sie heute eine aussterbende Generation, deren Spuren man nur noch vereinzelt begegnen kann.

Der in New York geborene Historiker Laurence Weinbaum, der deutsch-schottische Fotograf Colin McPhershin sowie der in Yad Vashem tätige Historiker Gideon Greif – der aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie stammt und dessen Hauptarbeitsgebiet die Vernichtung der Juden in Auschwitz bildet – haben ein eindrucksvolles, anrührendes Buch veröffentlicht, in welchem dem Schicksal dieser als „Jeckes“ bezeichneten Menschen ein überdauerndes Denkmal gesetzt wird.

Zunächst wird dem Begriff der „Jeckes“ nachgegangen, der in Israel allgegenwärtig ist, zu dessen Entstehung jedoch diverse, schwer überprüfbare Theorien existieren: „Auch wenn nicht eindeutig geklärt ist, woher der Begriff stammt, so kann es dennoch keinen Zweifel daran geben, wen er bezeichnet. Die Juden, die in den dreißiger Jahren aus Deutschland nach Palästina kamen, bildeten eine einzigartige Gruppe innerhalb der palästinensisch-jüdischen und später israelischen Gesellschaft (...) Die Jeckes waren tatsächlich die einzigen Einwanderer (...), die an ihrer eigenen Kultur und Identität festhielten und die Anpassung verweigerten. Dies nahm ihnen der Rest der jüdischen Gesellschaft übel. Ungleich den jüdischen Einwanderern aus anderen Ländern, blieb die Bindung deutscher Juden an ihre frühere Heimat noch Jahre nach ihrer Einwanderung stark. Selbst der Holocaust schaffte es nicht, die emotionale Bindung zu Deutschland völlig zu brechen“ (S. 2f.), konstatieren die Herausgeber in der Einleitung. In weiteren, kurz gehaltenen Kapiteln wird das jüdische Leben in Deutschland vor 1933, während der Jahre 1933 bis 1939 sowie die biografische Bruchsituation in der Phase der Einwanderung nach Palästina nachgezeichnet. Den Schwerpunkt dieses lebendigen Buches jedoch bilden knapp 80 aus Interviews gestaltete biographische Porträts. Sie werden jeweils durch ein Foto eingeleitet. Ein Teil dieser meist über 80jährigen ist inzwischen verstorben. Die Porträts, unprätentiös gestaltet, sind durchgehend als gelungen zu bezeichnen. Bereits nach wenigen Zeilen wird das individuelle Schicksal nachvollziehbar, als Teil eines kollektiven Vermächtnisses einzuordnen.

Die Herausgeber haben ein wichtiges, ein wertvolles Werk vorgelegt. Es verlebendigt das Schicksal dieser aus Deutschland vertriebenen Juden, die sich zum Teil erst durch ihre Vertreibung als Juden zu verstehen begannen. Es ist ein Werk entstanden, das man nicht ohne Ergriffenheit zu lesen vermag und viele Leser verdient hat.

Dr. Roland Kaufhold, Köln, hat uns diese Rezension für unsere Internetseite zur Verfügung gestellt. Sie ist in gekürzter Form in der Zeitschrift "psychosozial" IV/2003 veröffentlicht. Wir danken dem Autor und dem Verlag für die Weiterverwendung.

Greiner, Margret

Jefra heißt Palästina
Ein Mädchen in Jerusalem

Piper Verlag München & Zürich 2005. 235 S. , 13,00 Euro.

Nach ihrem dokumentarisch angelegten Buch „Miss, wie buchstabiert man Zukunft?“ (Piper Verlag 2003), in dem Margret Greiner über ihre zweijährige Tätigkeit als Deutschlehrerin am Schmidt’ Girls College in Ost-Jerusalem berichtete, legt die Autorin nunmehr auf demselben kontextuellen Hintergrund einen Roman vor, in dessen Mittelpunkt eine ihrer Schülerinnen namens Jefra – ein alter Name für Palästina – steht. Wie alle Palästinenserinnen bewegt sich die junge Frau zwischen den Erfahrungen der israelischen Okkupation in Zeiten der zweiten „Intifada“ und den arabischen Traditionen, gegen die sie sich ihre kleinen Freiheiten erkämpfen muss. Eine enge Freundin verwandelt sich in eine gläubige Muslima mit Hijab und Khimar, Kopftuch und langem Leid, und antwortet der Erstaunten: „Kannst du nicht verstehen, dass wir in diesen Zeiten signalisieren müssen, dass wir stolz sind, arabische Frauen zu sein? Und überzeugte Musliminnen?“ Alles sei gut, was den palästinensischen Kampf gegen den Feind unterstütze. Lediglich die betagte Tante springt Jefra bei: „Die moderne arabische Frau gehört in den Hörsaal und hinter den Computer und nicht als Einkaufsesel in den Basar.“

Jefra kommt nicht umhin, die weidlich ausgespielte Dominanz des Vaters zu respektieren, an der auch die drei Brüder teilhaben wollen. Eine ihrer Schwestern bereitet sich bei einer Zeitung den beruflichen Einstieg vor und schlägt eine „gute Partie“ aus, bis sie entnervt einen Amerikaner heiratet, mit dem sie zum Schrecken der Familie geradezu fluchtartig in die USA übersiedelt, weil sie in der Heimat keine Perspektive für sich entdecken kann – „eine Reise ins Vergessen“, notiert Jefra. Schon ein Besuch in West-Jerusalem erscheint wie die Reise in eine andere Welt. Die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Palästinensern und Israelis zerstören die angebahnte und sorgfältig geplante Freundschaft mit der gleichaltrigen Ruth im anderen Teil der Stadt. Ein Selbstmordanschlag besiegelt das Ende des Kontakts.

Das gemischte Sommercamp „Bridges for Peace“ in New Jersey gibt dem Leben der heranwachsenden Jefra durch die Begegnung mit Shifra – „äußerlich das exzentrischste der israelischen Mädchen“ aufgrund ihrer aufreizend zur Schau gestellten körperlichen Reize und ihrer hemmungslosen Impulsivität – eine neue Richtung. Das Wiedersehen mit der mittlerweile geschiedenen Schwester verläuft hingegen nach den Regeln einer Katastrophe. Zwar interessiert sich nach der Rückkehr Jefras niemand in der Familie für ihre Eindrücke, dafür zieht sie in einer arabischen Zeitung das Resümee, „dass nur der Mensch ein Feind ist, dessen Geschichte ich nicht kenne, von dessen Schmerzen ich nichts weiß“, um fortzufahren: „Jetzt kann ich wieder glauben, dass der Dunkelheit ein Licht folgt, dass der Konflikt eines Tages zu Ende sein wird und dass beide Seiten erkennen, dass der einzige Weg zu leben der ist, zusammenzuleben“. Der Familienfrieden wird darüber brüchig, doch Jefra lässt sich nicht beirren. Mit Shifra beginnt sie eine dreisprachige Zeitschrift unter dem Namen „Bridges“ für junge Leute auf beiden Seiten. Es folgen eine Rede auf einer israelischen Friedenskundgebung, die Einladung zu einer Talkshow, Radio- und Presseinterviews.

Margret Greiner lässt ihren Roman offen enden. Sie versagt sich einen literarischen Schlussakkord des Optimismus oder des Pessimismus. Jefra und Rafi begegnen sich zufällig auf dem Gelände der Hebräischen Universität und scheiden in der vagen Hoffnung, dass vielleicht in fünfzig Jahren Frieden zwischen beiden Völkern einkehrt. „Also dann“, sagt die Palästinenserin, und der Israeli antwortet „Bis bald.“

Die „Titelheldin“ Jefra war in den Jahren 2000 bis 2002 die Schülerin Lama Tarayra der Autorin. Zwei Jahre später erhielt sie den Stuttgarter Friedenspreis, zu dessen Verleihung Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ein Glückwunschtelegramm schickte. Margret Greiner ist ein Buch geglückt, das sich durch präzise Beobachtungen und den Glauben an die Zukunft beider Völker auszeichnet, der sich durch politische Tragödien und den Alltag persönlicher Ängste nicht beirren lassen will. Damit hebt es sich wohltuend von Werken ab, die der Unlösbarkeit des Konflikts das Wort reden. Die Stuttgarter Rede Lamas ist in der Homepage www.genfer-initiative.de dokumentiert. – Die Autorin führt die Homepage www.margret-greiner.de.

Reiner Bernstein

Grossman, David

Das Gedächtnis der Haut
Zwei Novellen

Hanser Verlag München 2004. 314 S.
Raserei (Februar 2002)

Schaul Kraus ist überzeugt, dass seine Frau Elischeva ihn seit zehn Jahren betrügt. Auf einer langen nächtlichen Autofahrt mit seiner Schwägerin sitzt der 55-jährige mit gebrochenem Bein im Fond; Esther („Esti“) soll ihn tief in den Süden, in die Wüste chauffieren. Denn dort hält sich Elischeva auf – allein oder mit ihrem Liebhaber?

In der räumlichen Enge des Volvos beginnt Schauls „Raserei“. Nichts hält ihn mehr zurück, sich in seine Eifersucht hineinzusteigern, nicht einmal die Schwägerin, die ihm bisher immer fremd geblieben war. Auch sie wird in die Spirale seines Wahnsinns hineingezogen und verliert ihre anfänglich kritische Distanz. „…mit aller Kraft versucht sie sich zu beruhigen, sie muss dem Ganzen Einhalt gebieten und ist nicht in der Lage, auf dieses Herzklopfen zu verzichten, dieses längst vergessene, dieses spezifische, das wie ein Echo ist, und sie stellte sich seine Hand auf ihrem Herzen und ihre Hand auf seinem Brustkorb vor, fühl mal, Esther, unsere Gefangenen geben sich Morsezeichen. Aber wie konnte das passieren, fragt sie sich fassungslos, wie konnte ich Schaul so auf den Leim gehen…“

Realität und Obsession verschwimmen immer mehr, und am Ende kommen sich Schaul und Esther, die dunkle, unscheinbare Schattenfrau, so nahe wie nie zuvor. Auf dem Rückweg will er sie und ihre Vergangenheit in Beersheva endlich kennen lernen.

Wenn der nüchterne Wissenschaftler Schaul halluziniert, dass Hunderte von Männern (Soldaten) nach Elischeva suchen und er sich gezwungen sieht, seine Frau zu identifizieren, glaubt man wie Esther einen Moment lang, er habe sie ermordet. Doch wenn er wähnt, er selbst würde seine schöne blonde, große Frau, die mit üppig schwellendem Busen in halb zerrissenen Kleidern vor lüsternen Männer flüchtet, vor den Augen aller entkleiden, wird klar, wie stark Schauls Kontrollbedürfnis ist. Er will über seine Frau verfügen und selbst ihren Liebhaber – ob real oder imaginiert – noch nach seinen Vorstellungen „erschaffen“, als sein Alter-ego Paul: ein Mann mit massiger Figur, ein arbeitsloser russischer Künstler, um den sich Elisheva kümmert.

Doch es gibt im Leben seiner Frau etwas, das sich Schauls Kontrolle völlig entzieht. Einmal jährlich gönnt sich Elischeva vier Tage, ganz für sich allein, an einem wechselnden Ort in Israel, den er nicht kennt. Und genau zu dem Zeitpunkt dekompensiert er, rasend vor Eifersucht.

Trotz Grossmans wunderschöner Bildersprache wirkt die Novelle befremdlich konstruiert; die Protagonisten und ihre Beziehung erscheinen flach und ohne emotionale Tiefe. Schauls manische Eifersucht ist auf Dauer langweilig, nicht vergleichbar mit dem Gefühl, das jeder schon erlebt haben dürfte. Auch die beiden Frauenfiguren bleiben seltsam blutleer. Die Blonde und die Dunkle stehen demnach für etwas anderes: wofür?

Das Gedächtnis der Haut (Juni 2001)

Die Titelgeschichte des Buches wurde aus unerfindlichen Gründen (auch chronologisch unverständlich) erst an zweiter Stelle gesetzt.

Die Yogalehrerin Nilli liegt im Sterben, und „vor schöner Kulisse“ kommt es im Haus ihres letzten Lebenspartners zu einer letzten Begegnung mit ihrer Tochter Rotem, die aus London angereist ist, wo sie als Schriftstellerin lebt. Unterschiedlich wie Tag und Nacht (blond und dunkel, die Mutter im Licht, die Tochter im Schatten), sind sich die beiden Frauen immer fremd geblieben. Doch während die Tochter ihrer unheilbar kranken Mutter aus einer selbst verfassten Geschichte, einer Art Psychogramm, vorliest, gestaltet sich die quälende Schuldzuweisung zu einer behutsamen Annäherung. Am Ende lernt Rotem ihre Mutter mit der Krankheit zu akzeptieren und Nilli die lesbische Beziehung ihrer Tochter.

Bei der Aufarbeitung des schwierigen Verhältnisses zur Mutter dreht sich für Rotem alles um einen früheren Schüler, der von Nilli offenbar das bekam, was sie selbst entbehren musste. Kobi war damals 15, Rotem nur wenig älter.

„Sieh mal … ich verstehe, indem ich handle. Mein Körper versteht.“ Das ist Nillis Credo für Kobi, als er sie nach den Lehrsätzen des Yoga fragt. In dem schüchternen, phlegmatischen Jungen spürt sie einen Seelenverwandten, mit dem sie stundenlang, in völligem Einklang, ohne zu erschöpfen, selbst die schwierigsten Yogaübungen praktizieren kann. Es ist der „Hunger von Verwaisten“, an dem sie sich erkennen. Das Geheimnis dieser Begegnung ist ihre Einmaligkeit; Nilli weiß, dass in wenigen Tagen alles vorbei ist und dass sie den Jungen gehen lassen muss.

Überhaupt hat sie sich ständig verausgabt auf der Suche nach Liebe, aber nie Glück mit Männern gehabt. Ihre „Spiritualität“ musste sie finanziellen Nöten opfern, und auch der kleine Kern, den sie als Quelle innerer Kraft bewahren wollte, um davon anderen zu geben, konnte sie nicht vor der Krebskrankheit schützen.

Rotem muss sich der schmerzlichen Erkenntnis stellen, dass ihre Mutter in wenigen Tagen nicht mehr da sein wird. Vermutlich wird es auch ihr letzter Besuch in Israel gewesen sein. Sie wird verwaisen. Erst aus diesem Bewusstsein kann sie sich aus der Antihaltung zu ihrer Mutter lösen. Im Unterschied zu Nillis pfleglichem Umgang mit dem eigenen Körper hat Rotem alle Arten der Selbstzerstörung ausgelebt, bis sie von ihrer Freundin Melanie buchstäblich errettet, erlöst wurde.

Diese Novelle geht unter die Haut. Sie ist berührend und einfühlsam geschrieben. Sie lässt die Leserin lange nicht los. Sicher lesen Menschen, die sich besser mit der Situation in Israel auskennen, noch viele andere Anspielungen oder Metaphern heraus. Die Assoziation mit Israel-Palästina drängt sich bei den in beiden Novellen vorhandenen Gegensatzpaaren der blonden/dunkelhaarigen Frau auf, doch lässt sich auf Anhieb kein eindeutiger Zusammenhang herstellen, und möglicherweise will David Grossman auch gar nicht immer als „politischer Autor“ festgelegt werden.
Walburga Rempe-Baldin, München

w.rempe@gmx.de

Guggenheim Shbeta, Evi und Eyas Shbeta

Oase des Friedens
Wie eine Jüdin und ein Palästinenser in Israel ihre Liebe leben

Heyne Verlag München 2004. 319 S.

Es ist die Geschichte eines jüdisch-palästinensischen Ehepaares und ihres Dorfes „Oase des Friedens“ („Neve Shalom“ / „Wahat al-Salam“) in Israel. In wechselnder Perspektive schildern beide ihren kulturellen und familiären Hintergrund. Evi Guggenheim stammt aus der Schweiz und berichtet, wie ihre Großeltern und Eltern dem Holocaust entkamen, und wie in ihrer Familie aus diesen grauenvollen Erfahrungen heraus eine emotionelle Bindung zu dem neuen Staat Israel entsteht. Nach dem Abitur beschließt Evi, nach Israel auszuwandern. Eyas erzählt von seiner anfänglich glücklichen Kindheit in dem arabischen Ort Tira, bis er allmählich gewahr wird, dass unter den Bedingungen der israelischen Militärverwaltung, die bis Ende 1965 anhält, die Besuche der Verwandten heimlich und nur unter Schwierigkeiten stattfinden können. Je älter er wird, desto mehr werden ihm die Einschränkungen bewusst, welche die Palästinenser durch den Verlust ihrer Böden und Häuser hinnehmen müssen. Später, während des Studiums, begegnet er einem arabischen Freund, der ihm von einer jüdisch-palästinensischen Friedensgruppe erzählt, und als das erste Treffen in „Neve Shalom“ / „Wahat al-Salam“ stattfindet, gelingt es diesem, ihn mit einer List dorthin zu locken, wo er zum ersten Mal Evi trifft.

Trotz des täglichen Kampfes gegen staatliche Institutionen sowie menschliches Unverständnis und bornierten Dogmatismus auf beiden Seiten gründen sie mit den anderen jüdischen und arabischen Familien, mit Hilfe des Dominikanerpaters Bruno Hussar und des Klosters Latrun, das ihnen Land zur Verfügung stellt, ein arabisch-jüdisches Dorf und geben ihm den programmatischen Namen „Oase des Friedens“. Darin besuchen alle Kinder dieselbe Schule und wachsen gemeinschaftlich auf. Neben den Realfächern werden Toleranz, Achtung vor dem anderen und das Recht auf eigene Identität gelehrt.

Für ihre Ziele haben Evi und Eyas die Ausgrenzung in Kauf genommen und schildern auf mitreißende Art und Weise ihre inneren und äußeren Konflikte und die der Dorfgemeinschaft. Politische Ereignisse wie Golfkrieg, Verhandlungen in Madrid und Oslo, Regierungswechsel in Israel und anderes mehr haben oft Krisensituationen in dem stetig wachsenden Dorf zur Folge, die aber in langen gemeinsamen Gesprächen der Dorfversammlung in respektvoller Atmosphäre bewältigt werden können.

Das Buch beschreibt in spannenden Ausschnitten und ohne Beschönigung, wie die Menschen in „Neve Shalom“ / „Wahat al-Salam“ lernen, sich einander zu nähern, sich zu verstehen und zu schätzen – eine „Oase der Friedens“ mit Beispielcharakter im scheinbar ausweglosen Nahostkonflikt. Ein mitreißendes Buch, für einen breiten Leserkreis geeignet, das in keinem Bücherregal fehlen sollte.

Dr. Ruth Rosenberg, München

Gundermann, Albrecht

Die Rolle des Obersten Gerichtshofs bei der Entwicklung der israelischen Verfassung
Baden-Baden 2000.

Der Autor, der einige Jahre Einsicht in die Arbeit des Obersten Gerichtshofs (OHG) in Jerusalem hatte, führt aus, dass nach dessen Auffassung der Staat Israel nicht der Rechtsnachfolger des untergegangenen britischen Mandatssystems, sondern eine „neue juristische Person“ sei. In einer seiner ersten Entscheidungen stellte das OGH Anfang Dezember 1948 fest, dass die Unabhängigkeitserklärung keinen Verfassungsrang habe, sondern sie dokumentiere die Gründung des Staates zum Zwecke der internationalen Anerkennung und verleihe der „Vision des Volkes“ Ausdruck. Das zwischen dem Ende des Mandatssystems und der Proklamation Israels auftretende Vakuum in der Rechtsordnung wurde zunächst durch das Neuordnungsgesetz vermieden, indem das am 14.5.1948 geltende Recht im Regelfall in die israelische Rechtsordnung übernommen worden sei, bis zehn Jahre später das ganze Mandatsrecht gesetzgeberisch als israelisches Recht neu erschaffen wurde. Dagegen sind die britischen „Defence Regulations“ von 1945 noch heute gültig und erlauben es, Menschen ohne gerichtliches Verfahren und für unbestimmte Zeit in Haft zu nehmen, sobald der Notstand erklärt ist, Häuser zu zerstören, die Terroristen oder deren Familien gehören, sowie Ausweisungen vorzunehmen, die Pressefreiheit aufzuheben und Demonstrationsverbote zu erlassen. Zugunsten einer eigenen Rechtsordnung habe eine starke Gruppe von sozialistischen, bürgerlich-liberalen und nationalistischen Abgeordneten eine geschriebene Verfassung befürwortet, zu denen auch Oppositionsführer Menachem Begin gehörte, der mit Hilfe eines effektiven Grundrechtsschutzes die Herrschaft der linksorientierten Parlamentsmehrheit begrenzen wollte. Auch Ben-Gurion stand einer Verfassung skeptisch gegenüber, weil Gesetze zwangsläufig dem Urteil des OHG unterworfen seien und sich die mangelnde Konsensfähigkeit unter den Juden bereits im antiken Judäa störend bemerkbar gemacht habe. Andere Parlamentarier wiesen das englische Beispiel des Verzichts auf eine Verfassung als untauglich zurück, weil sich Israel nicht auf die jahrhundertealte Tradition des Parlamentarismus berufen könne. Außerdem habe die israelische Bevölkerung aufgrund ihrer mangelnden Homogenität noch keinen Grundkonsens entwickelt, der aufgrund der zu bevorstehenden Einwanderungswellen auch nicht schnell zu erwarten sei. In die Phalanx der Ablehnung reihte sich, wie zu erwarten, auch „Agudat Israel“ ein, weil kein säkulares Dokument die von Gott gegebene Verfassung ersetzen könne. Mit der Rückkehr ins Heilige Land hätten die Juden die Thora als Verfassung zurückerhalten. Am Ende der Debatten setzte sich im Juni 1950 die interpretatorisch offene und kompromisslerisch argumentierende „Harari-Resolution“ durch: „Die Erste Knesset beauftragt den Verfassungs-, Rechts- und Justizausschuss [der Knesset], den Entwurf einer Staatsverfassung vorzubereiten. Die Verfassung ist nach und nach aus Kapiteln aufzubauen, von denen jedes ein eigenes Grundgesetz bildet. In dem Maße, wie der Ausschuss seine Arbeit beendet, sind die Kapitel der Knesset vorzulegen, und alle Kapitel schließen sich zur Staatsverfassung zusammen.“ Diesem Auftrag ist die Knesset durch mittlerweile elf Kapitel einer geschriebenen Verfassung nachgekommen, die in Anlehnung an die deutsche Verfassungsordnung „Grundgesetze“ bezeichnet worden sind. Der OGH überprüft Entscheidungen des Gesetzgebers auf seine Zuständigkeit und auf die Vereinbarkeit mit den Grundgesetzen, soweit die Menschenrechte betroffen sind.

Reiner Bernstein

Gunning, Jeroen

Peace with Hamas?
The transforming potential of political participation,

in "International Affairs" 80(2004)2, pp. 233 ff.

Wie realistisch ist die Annahme, dass die „Islamische Widerstandsbewegung“ („Hamas“) ein palästinensischer Gesprächspartner zur Überwindung des Konflikts im Nahen Osten wird? Die Antworten darauf sind vielfältig und weichen erheblich voneinander ab. So ist die eine Denkschule vom Pragmatismus der Bewegung überzeugt, die gegebenenfalls die rigide islamistische Rhetorik beiseite schieben kann. Andere Analytiker vertreten die Auffassung, dass der politische Kontakt zu „Hamas“ unumgänglich sei, weil sie zu tief in der palästinensischen Gesellschaft im gesamten Gazastreifen sowie in der Westbank in Städten wie Nablus und Hebron und an Universitäten und in Berufsverbänden verwurzelt ist, als dass es gelingen könnte, sie als irrelevant abzutun – der Autor selbst, der am Department für internationale Politik der Universität Wales in Aberystwyth lehrt, nennt sie die „most powerful Palestinian opposition force“. Dritte wiederum glauben, dass die politisch ausgehandelte Koexistenz mit Israel die Basis von „Hamas“ zerstören würde und ihre Führung deshalb auf einem unnachgiebigen Kurs bestehen muss. Unter westlichen Regierungen hat sich der Standpunkt Ariel Sharons durchsetzt, „Hamas“ auf die Liste der Terrororganisationen mit allen daraus zu ziehenden Konsequenzen zu setzen.

Jenseits solcher Bewertungsunterschiede dürfte feststehen, dass ein erheblicher Teil der palästinensischen Bevölkerung schon deshalb hinter „Hamas“ steht, weil die Autonomiebehörde Arafats ihre politische Glaubwürdigkeit verloren hat, sei es aus eigenem Unvermögen, sei es aufgrund der israelischen Politik der Unnachgiebigkeit, obwohl es nicht gelungen ist, die Widerstandsbewegung zu zerstören und dieses Ziel selbst mit den „gezielten Tötungen“ von Yachya Ayyash, Ismail Abu Shanab. Achmed Yassin und Abdel Aziz Rantisi nicht erreicht worden ist. Dies mag damit zusammenhängen, dass die beiden Flügel von „Hamas“ – die „Izz al-Din Qassem“-Brigaden mit ihrem Ziel der militärischen Effizienz, und der politische Arm mit dem Anspruch auf Popularität, Legitimität und öffentliche Präsenz – ideologische Gemeinsamkeiten aufweisen und sich sogar teilweise personell überlappen, dass sie aber unabhängig voneinander agieren. Darauf hat Khaled Meshal, der Generalsekretär von „Hamas“ mit Sitz in Damaskus, in jüngster Zeit mehrfach bestanden; hier deuten sich Rivalitäten zwischen politischer Strategie und Gewalteinsatz an, wobei letzterer generell der Gefahr unterliegt, ohne Kosten-Nutzen-Analyse um seiner selbst willen Vabanque zu spielen. Ein Beispiel für diese Einstellung bieten die Agenten des Widerstandes, die „Märtyrer“, die sich auf die Befreiung ganz Palästinas ohne Rücksicht auf ihre physische Integrität haben einschwören lassen. Ihnen gegenüber versagen politische Appelle zur Mäßigung oder materielle Anreize. Ohne die „rote Linie“ des Bürgerkrieges zu überschreiten, schlagen sie zu, um jede Form von politischer Verständigung mit Israel im Keim zu ersticken.

Hingegen bevorzugen die politischen Strategen von „Hamas“ einen abgestuften Weg: Für sie bildet die Islamisierung der palästinensischen Gesellschaft einschließlich der Beseitigung des „Systems Arafat“ die Voraussetzung des siegreichen Endkampfes gegen den äußeren Feind. Die zahlreichen vergeblichen Versuche der Autonomiebehörde, „Hamas“ in die politische Verantwortung einzubinden, sprechen eine deutliche Sprache. Gunning macht darauf aufmerksam, dass „Hamas“ die typischen Merkmale einer Oppositionsbewegung in sich vereinigt: Ihre Sympathisanten stammen aus den Mittel- und unteren Sozialschichten, haben einen Flüchtlingshintergrund, verfügen über ein relativ hohes Bildungsniveau und gehören nicht zu den politischen und sozialen Eliten mit ihren weitverzweigten autokratischen und korrupten Herrschaftsmechanismen.

Zählt man diese Faktoren zusammen, wird jedoch Gunnings These anfechtbar, wonach sich „Hamas“ nicht mit der Autonomiebehörde und mit „Fatah“ messen kann. Denn zumindest seit Beginn der zweiten „Intifada“ ist es ihr gelungen, die einstige Autorität Arafats zum eigenen Vorteil umzulenken, die „Bewegung zur Befreiung Palästinas“ ideologisch zu infiltrieren und ihren hierarchischen Aufbau zu zersetzen. Wenn es des zusätzlichen Beweises für diese Entwicklungen bedürfte, so haben ihn die „Al-Aqza-Brigaden“ von „Fatah“ erbracht, die mittlerweile aus eigenem Recht militärisch agieren und sich dem Zugriff Arafats weitgehend entzogen haben. Das Original zieht regelmäßig mehr politische Attraktivität auf sich als die Kopie, die sich durch politisches Lavieren negativ auszeichnet. Letztere kann durch eine zuweilen bombastisch anmutende pseudo-revolutionäre Rhetorik nicht wettgemacht werden. Insofern war die Ablösung von Machmud Abbas als „Regierungschef“ und dessen Ersetzung durch Achmed Qureia nichts anderes als die Inszenierung eines Spektakels, das die Apparaturen der systematischen Schwäche der Autonomiebehörde bloßlegt. Gleiches gilt für westliche Forderung nach palästinensischen Reformen. Sie wären nur unter der Bedingung möglich, dass die Autonomiebehörde über die politische Macht verfügt, deren institutionelle Infrastrukturen weitgehend zerstört am Boden liegen. Hinzu kommen Rivalitäten in der palästinensischen Führung. So reagiert sie nur halbherzig auf die Herausforderungen von „Hamas“.

Nachdem sie selbst durch ihre terroristischen Aktivitäten zum palästinensischen Elend beigetragen hat, hat „Hamas“ selbst auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt die Autonomiebehörde überholt, die alle Hände voll zu tun hat, ihre etwa 130.000 Mitarbeiter mit Hilfe der Europäischen Union zu bezahlen – ein zusätzlicher Pluspunkt für die Islamisten, denen die Abhängigkeit vom Westen ein Gräuel ist. Es brächte mithin keine Vorteile für „Hamas“, wenn sie sich auf die Teilung der Macht einließe, nachdem der zweite Pfeiler wenn nicht ganz weggebrochen ist, so doch an Geltung und Gestaltungskraft erhebliche Einbußen erlitten hat. Die Erwartung des Autors erscheint verfrüht, dass die Übernahme von Studentenräten und Berufsverbänden einen moderierenden Einfluss auf „Hamas“ haben wird. Die für den Sommer 2004 in Aussicht genommenen Kommunalwahlen werden darüber Aufschluss geben, welche Kräfte sich durchsetzen. Noch kann von einer „Evolution“ bei „Hamas“ in Richtung Demokratisierung nicht die Rede sein, es sei denn man versteht darunter den egalitären Druck der Straße. So wünschenswert die Behauptung Gunnings sein mag, dass „Hamas“ unter den palästinensischen Fraktionen „eine der am demokratischsten orientierten“ sei, so sorgt der islamistische Impetus dafür, die Vision einer Zweistaatenlösung zunichte zu machen.

Wenn also der Autor festhält, dass die zentralen Ziele von „Hamas“ an Boden verlieren, dann dürfte diese Schlussfolgerung verfrüht sein. Denn sie geht offenkundig vom Autonomiestatus wesentlicher Teile des Gazastreifens und der Westbank aus, wie er mit seinen checks and balances mehr oder minder vor dem Dreiergipfel in Camp David im Juli 2000 vorherrschte, aber inzwischen fast vollständig zusammengebrochen ist. Dass die israelische Politik die von ihr diktierten Rahmenbedingungen in den palästinensischen Gebieten von Grund auf revidiert, ist gegenwärtig nicht erkennbar. Niemand sollte sich deshalb wundern, dass der Prozess der Radikalisierung eine Fortsetzung findet.

Reiner Bernstein

Haass, Richard H.

Toward Greater Democracy in the Muslim World
in „The Washington Quarterly” Summer 2003, pp. 137 ff.

Der Autor, der diesen Beitrag vor seinem nicht ganz freiwilligen Rücktritt als Direktor der „Policy Planning Staff“ im amerikanischen Außenministerium geschrieben hat, fordert seine Regierung dazu auf, die Demokratie im Ausland zu fördern, wobei sich Realismus und Idealismus einander ergänzen sollten. Bisher habe die Demokratisierung besonders in der arabischen Welt keine Priorität besessen, weil sich Washington darauf konzentriert habe, für den ständigen Zufluss des Erdöls zu sorgen, seine Militärbasen zu sichern, den iranischen Einfluss einzudämmen, sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu befassen und – zuzeiten des Kalten Krieges – der Sowjetunion entgegenzutreten.

Warum sollen diese Versäumnisse nun nachgeholt werden? Haass nennt altruistische Motive und Gründe des Eigeninteresses. Wer die Demokratisierung vernachlässige, fördere Extremismus und Terrorismus in den Ländern der moslemischen Welt. Ihre Regierungen würden damit derart unter Druck gesetzt, dass sie es nicht wagten, für die Vereinigten Staaten als Partner im Kampf gegen diese Erscheinungsformen zu agieren. Dabei seien die Vereinigten Staaten, wie die Beziehungen zur Türkei bewiesen, keine Gegner von islamische Parteien, denn: Es gäbe mehrere Demokratiemodelle, Wahlen seien noch nicht mit Demokratie gleichzusetzen – Beispiel Saddam Hussein –, Demokratie brauche Zeit, sie gründe auf einer informierten und qualifizierten („educated“) Gesellschaft, wesentlich seien unabhängige und verantwortungsvolle Medien, die Frauen leisteten einen vitalen Beitrag zur Demokratie, politische und ökonomische Reformen verstärkten sich gegenseitig, und Demokratie lasse sich am besten von innen her entwickeln, auch wenn sie von außen ermutigt werden könne.

Diese Prinzipien klingen allesamt einleuchtend und vernünftig. Schaut man sich allerdings in der US-Politik um, so springt die tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit krass ins Auge. Wenn Haass behauptet, dass Washington mit dem irakischen Volk die Demokratie aufbaue, so sind die bisherigen Erfahrungen alles andere als ermutigend. Wohl nicht von ungefähr, hat Präsident Bush seine „Middle Eastern Initiative“ in „Partnership“ umbenannt und dennoch ihre Präsentation auf unbestimmte Zeit verschoben. Im übrigen sind dem Autor die Spannungen zwischen Israelis und den Palästinensern keine Silbe wert, was darauf hindeutet, dass die USA im Staat Israel „einen wahren und verlässlichen Alliierten“ sehen, wie Bush kürzlich noch einmal betont hat, dem die Regelung des Konflikts mit angeblich gutem Gewissen überlassen werden kann.

Reiner Bernstein

Hansen, Niels

Aus dem Schatten der Katastrophe
Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben Gurion

Düsseldorf 2002. 891 S.

Der Autor, der von 1952 bis 1999 im Auswärtigen Amt und zwischen 1981 und 1985 Botschafter in Israel war, hat in seinem Monumentalwerk auf eine außerordentliche Materialfülle zurückgegriffen. Wer die Beziehungen zwischen beiden Staaten besonders der fünfziger und sechziger Jahre informieren will, wird auf das Buch zurückgreifen müssen.

Reiner Bernstein

Hass, Amira

Morgen wird alles schlimmer
Berichte aus Palästina und Israel

C.H. Beck München 2006. 213 S.

“Morgen wird alles schlimmer”, in „Das Parlament“ 11.12.2006

Die israelische Journalistin Amira Hass schreibt aus den Besetzten Palästinensischen Gebieten für die israelische Tageszeitung “Ha´aretz.” Nach ihrem Erfolgsbuch “Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land” ist kürzlich das Buch “Morgen wird alles schlimmer” auf Deutsch erschienen. Unser Mitarbeiter Johannes Zang konnte die Frau, die 2003 den Demokratiepreis der “Blätter für deutsche und internationale Politik” erhielt in Jerusalem befragen. Frau Hass, die gewöhnlich Interviewanfragen eine Absage erteilt, wirkte leicht irritiert, als Johannes Zang ihr das Buch vorlegt.

F:Es hat den Anschein, Sie sehen den Titel zum ersten Mal.

A: Ja. In Deutschland verbindet man mit dem Davidsstern etwas Anderes als hier. Es war mein Fehler, dass ich nicht darum bat, das Titelfoto vor dem Druck sehen zu können. Leider. Ich werde dem Verlag noch heute schreiben, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht sehr glücklich über das Foto bin.

F: Gab es einen Auslöser für dieses Buch?

A: Nein. Es ist eine Sammlung von Kolumnen, die ich in den letzten sechs Jahren für die italienische Zeitung “Internazionale” verfasst habe. Zu Beginn der 2. Intifada bat mich diese Zeitung, für sie zu schreiben und hat dann daraus ein Buch gemacht. Der Beck-Verlag wollte es dann ebenfalls veröffentlichen. Es ist wie ein Tagebuch der letzten sechs Jahre. Dann haben wir einige analytische Aufsätze von mir hinzugefügt. Darin analysiere ich hauptsächlich die Politik der israelischen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Das Besondere am deutschen Buch ist, dass es einige Beiträge der jüngsten Zeit enthält, die erst nach der Veröffentlichung des italienischen Buches entstanden sind.

F: Inwieweit war Ihre Arbeit am Buch von der politischen Lage behindert?

A: Der Strom fällt aus. Oder ich stecke an einem Kontrollpunkt oder vor einem Panzer stundenlang fest und schaffe es nicht nach Hause, um meine Kolumne zu schreiben. Aber das ist Teil der Arbeit. Es bedeutet zusätzlichen Druck und zusätzliche Schwierigkeiten. Aber man kann in gewisser Weise sagen, dass all das die Arbeit verbessert hat, denn es lässt mich Dinge aus dem Alltag erfahren und nicht vom Hörensagen oder von Telefongesprächen.

F: Wie unterscheiden sich die Kolumnen des Buches von den Beiträgen, die Sie für “Ha´aretz” schreiben?

A: Sie sind eher Momentaufnahmen des täglichen Lebens, und manchmal meine Gedanken, wenn ich unterwegs bin. Es sind Kolumnen, bei denen ich mehr Freiheiten als bei meinen “Ha´aretz”-Beiträgen habe. Da sie sehr kurz sind, zwischen 250 und 400 Worten lang, habe ich gelernt, zur Sache zu kommen. Wie ich in der Einleitung schreibe, fühle ich mich dem Buch gegenüber ein bißchen fremd: Ich habe ursprünglich auf Englisch geschrieben, das nicht meine Sprache ist. Dann wurde es ins Italienische und parallel ins Deutsche übersetzt. Beide Sprachen spreche ich nicht.

F: Wie kam es zum Titel?

A: Der italienische Herausgeber fragte mich nach einem Titel - das war vor zweieinhalb Jahren. Einer der Titel, die ich vorschlug, war – und es war der, dem ich den Vorzug gab: Morgen wird alles schlimmer. Ich denke, ich darf das Geheimnis verraten: Der deutsche Verleger war von diesem Titel anfangs schockiert. So wollte er es nicht veröffentlichen. Das war ihnen dann doch zuviel. Man schlug andere Titel vor. Aber nichts passte hundertprozentig. Ich sagte dann, das dieser Titel für mich die einzige Schlussfolgerung sei und leider gibt mir die Realität Recht, dass dies der richtige Titel ist.

F: Wie ist es, als einzige Israelin im palästinensischen Ramallah zu leben?

A: Es leben noch zwei Menschen mit israelischem Pass in Ramallah. Es ist für mich eher seltsam, nun hier in Jerusalem zu sein.

F:Die palästinensische Realität der letzten sechs Jahre kennen außer einer Hand voll israelischer Journalistenkollegen nur ganz wenige Israelis aus eigenem Erleben. Wie schwierig ist es, den palästinensischen Alltag der israelischen Öffentlichkeit zu vermitteln?

A: Es ist schwierig, da die Israelis die Besatzer sind. Und zwar die Besatzer, die sich vor allem zu Beginn der Intifada als Opfer sahen – und darin zeichnen sie sich aus. Denn vor der Intifada wollten sie nicht das Scheitern und die Täuschungen des Oslo-Prozesses sehen. Es ist schwierig, (Israelis, die palästinensische Realität zu vermitteln), genau so wie es schwierig ist, jeder privilegierten Gruppe klarzumachen, das etwas falsch ist, wenn man Privilegien auf Kosten anderer genießt. Dagegen muss man ankämpfen.

F: Zwischen diesen Buchdeckeln findet sich Einiges an niederschlagenden Geschichten. Befürchten Sie nicht, dass die deutschen Leser das Buch bei Seite 30 zur Seiten legen, da sie nicht mehr verkraften können?

A: Sollten sie nicht in der Lage sein, weiterzulesen, dann wird mir das leid tun. Aber das ist kein Grund, etwas zu beschönigen. Es gibt auch schöne Momente in diesem Buch.

F: Enthält dieses Buch eine andere Botschaft als Ihr Gaza-Buch?

A: Es ist dieselbe Botschaft. Die israelische Wirklichkeit und die israelische Politik haben sich nicht geändert. Sie sind schlimmer geworden. Es gibt jetzt in punkto israelisch-militärischer Unterdrückung Dinge, die ich mir vor zehn Jahren nicht habe vorstellen können.

F: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

A: All die Jahre der Eskalation des Tötens, bevor die Palästinenser ihre eigene Eskalation des Tötens begannen. Dazu kommt die israelische Politik der Abriegelung und der Einschränkung der Bewegungsfreiheit sowie der Prozess der Kolonisierung. All das ist in den letzten sechs Jahren schlimmer geworden – eigentlich auch durch Oslo. Im Großen und Ganzen, wenn Sie auf das West-Jordanland schauen, wird das Ziel, das palästinensische Land zu zerstückeln, ohne großes Blutvergießen erreicht. Dies ist vielleicht einer der Gründe – und Palästinenser müssen darüber einmal nachdenken – warum im Westen die Menschen eher an Qassam-Raketen und Selbstmordattentate denken als an die israelische Unterdrückung. Für sie existiert Besatzung in gewisser Weise nicht mehr.

F: Auf Seite 11 Ihres Buches sagen Sie, dass es selbst in Ihrer Muttersprache Hebräisch keine Worte gibt, um die Realität zu beschreiben.

A: Manchmal bin ich sprachlos.

F:Angenommen, ein einflussreicher Deutscher liest dieses Buch – was sollte er mit dem Wissen, das er durch die Lektüre erworben hat, anfangen?

A: Ich verstehe ganz und gar, wie den Deutschen im Besonderen und den Europäern im Allgemeinen der Staat Israel und seine Zukunft am Herzen liegt. Ich wünsche, dass sie sehen, dass diese Politik Israels möglicherweise die Zukunft jüdischer Gemeinden in dieser Gegend gefährdet. Wenn Israel den Palästinensern so viel Leid und Unrecht zufügt und ein System der de facto-Apartheid schafft, in der eine ethnische Gruppe Privilegien auf Kosten anderer hat, dann kann es nicht auf ewig Bestand haben. Ich habe Angst davor. Die israelische Politik gefährdet unsere Zukunft hier. Ich erinnere mich an 1998, als Netanjahu an der Macht war. Da wurde mir die gleiche Frage von zwei sehr unterschiedlichen Palästinensern gestellt. Einer war Saeb Erekat, einer der Unterhändler. “Sag mir Amira, denken Israelis nicht an ihre Enkel?”, fragte er. Und ein Bauer, dessen Olivenbäume mehrmals von Siedlern niedergebrannt wurden, fragte mich dasselbe. Ich hatte das Gefühl, er hatte sehr viel Mitgefühl mit Israelis.

F: In vielen Fällen waren Sie es, die als erste neue israelische Maßnahmen gegenüber dem palästinensischen Volk entdeckt hat. Woher nehmen sie die Stärke, Tag für Tag neues Unrecht aufzudecken?

A: Ich kann doch nicht zu einem normalen Leben in Tel Aviv zurückkehren und so tun, als ob dies alles nicht existieren würde. Deshalb schätze ich mich glücklich, dass ich für diese ziemlich tolerante Zeitung (“Ha´aretz”) schreiben kann. Ich habe immer eine kleine Hoffnung, dass meine Worte das Menschen erreicht. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich schreiben und so meine Wut ausdrücken kann. Was mir schon die ganze Zeit Energie verleiht, ist letztlich meine Wut.

Johannes Zang arbeitet von Jerusalem aus für deutsche Zeitungen.
Wir danken ihm für die Überlassung des Interview mit Amira Hass.

Haas, Amira

Bericht aus Ramallah
Eine israelische Journalistin im Palästinensergebiet

Kreuzlingen/München 2004. 231 S.

Nach ihrem Buch „Gaza: Tage und Nächte in einem besetzten Land“ (München 2003), legt die in Ramallah wohnende renommierte israelische Journalistin, die regelmäßig für die Tageszeitung „Haaretz“ über palästinensische Angelegenheiten berichtet – „es wäre richtiger zu sagen, dass ich Expertin für die israelische Besatzung bin“ –, innerhalb eines Jahres ihr zweites Buch vor. Aus den rund 500 Artikeln, die Hass zwischen 1997 und 2002 schrieb, sind 37 Beiträge, Kommentare und Interviews ausgesucht worden, von denen die überwiegende Mehrzahl bereits im englischen Online-Dienst von „Haaretz“ verfügbar waren. Dennoch ist die Sammlung schon deshalb von bestechender Präzision, weil Hass nicht nur die israelische Besatzung, sondern auch die palästinensische Politik kritisch Revue passieren lässt: ihre Verstöße gegen Menschenrechte, die Blockade wirtschaftlicher Dynamik aufgrund des etablierten Apparates von Klientelismus und Korruption sowie die politische Sprunghaftigkeit Arafats. Diese Phänomene haben sich zwar mittlerweile auch im Ausland herumgesprochen, geraten aber aufgrund der israelischen Siedlungspolitik, des Baus von Umgehungsstraßen und der Anlage von „Sicherheitszäunen“ mit dem Ziel der Verhinderung eines souveränen Staates Palästina allzu schnell in den Hintergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit. Ein Ende der blutigen Auseinandersetzung vermag die Autorin noch nicht zu erkennen.

Die sorgfältige Edition der Beiträge lässt einige Fehler; die dem Verlag im Glossar und Personenverzeichnis anzulasten sind, nicht übersehen: So fand der Dreiergipfel von Camp David mit Clinton, Barak und Arafat zwischen dem 11. und 25.6.2000 (und nicht im Juli/August 2000) statt; Hamas „bezeichnet“ nicht die Islamische Widerstandsbewegung, sondern ist das Akronym dieser Gruppierung; beim Eintrag „Jenin“ hätte man sich den Hinweis auf die blutigen Kämpfe im April 2002 gewünscht, bei dem 54 Palästinenser und 23 israelische Soldaten ums Leben kamen, und die Madrider Friedenskonferenz fand Ende Oktober/Anfang November 1991 statt und verweist nicht auf die „multilaterale(n) Nahost-Friedensverhandlungen 1991/92“, sondern folgten dieser Konferenz.

Reiner Bernstein

Herzl, Theodor

Der Judenstaat
Text und Materialien 1896 bis heute

Herausgeben von Ernst Piper. Philo Verlag 2004

Der vorliegende Band gibt in Auszügen einen Überblick über wichtige geschichtliche Ereignisse, von der Idee zur Gründung eines Judenstaates bis zu dem in unseren Tagen schwelenden Konflikt. Eröffnet wird die Abhandlung mit der Wiedergabe von Theodor Herzls Programmschrift „Der Judenstaat“, in der er ein detailliertes Bild vom damals noch fernen Gemeinwesen zeichnete. Er beschrieb eine ideale Gesellschaft, in der Juden und Araber friedlich miteinander leben würden.

In den folgenden verschiedenen Beiträgen aus der damaligen Zeit wird deutlich, dass es auch unter den Zionisten kritische Stimmen gab, die sich der kommenden Problematik einer jüdischen Einwanderung nach Palästina bewusst waren. Andere jedoch nahmen die Existenz einer arabischen Bevölkerung nicht zur Kenntnis. Auch die Reaktion der arabischen Bevölkerung wird beleuchtet. Durch Auszüge aus verschiedenen Briefwechseln, Abmachungen und Verordnungen wird deutlich, wie verwickelt die verschiedenen Interessenslagen auch der beteiligten Kolonialmächte waren. Der vollständige Abdruck der „Genfer Initiative“ und Essays von bekannten Persönlichkeiten wie Martin Buber, David Grossman, Dan Bar-On und anderen erhellt ein wenig die Situation, wie sie sich heutzutage präsentiert.

Das ausgezeichnete Nachwort vom Herausgeber gibt noch einen zusammenfassenden geschichtlichen Überblick mit einigen Ergänzungen, so dass die Einzelbeiträge des Buches im Zusammenhang gesehen werden können. Ein sehr spannendes, empfehlenswertes Buch.

Dr. Ruth Rosenberg, München

Hirschfeld, Yair

The Case for a Combined Grand Strategy for Peace An Israeli View,
in „Brown Journal of World Affairs” Winter/Spring 2004, p. 257 ff.

Der zu den Architekten der Osloer Vereinbarungen gehörende Autor, der heute an der Universität Haifa lehrt, zeigt sich davon überzeugt, dass das Verhandlungspatt und der Kreislauf der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern den gesamten Nahen Osten bedrohen könnten. Daraus ergibt sich für ihn die Frage nach Alternativen oder, wie er es ausdrückt, das Bedürfnis nach einer „Combined Grand Strategy (CGS)“, in der Israelis, Palästinenser und die internationale Gemeinschaft zusammenwirken, und zwar durch die Kombination von Vorschlägen Bill Clintons (Dezember 2000), der Arabischen Liga (Beirut, März 2002), der „Road Map“ (April 2003) und der „Genfer Initiative“ (Dezember 2003), nachdem sich erwiesen habe, dass alle vier Dokumente die Lösung des Konflikts nicht vorangetrieben haben: Keines löste den notwendigen politischen Widerhall unter den politisch Verantwortlichen aus. Wie bereits in einem Interview mit „Haaretz“ (vgl. „Kontexte“ 06.02.2004) äußert der Autor die Befürchtung, dass die „Genfer Initiative“ auf palästinensischer Seite Erwartungen an die israelische Kompromissbereitschaft wecke, die unrealistisch seien. Man darf die Vermutung äußern, dass Hirschfelds Ablehnung auch dadurch motiviert ist, dass er zu den Vorbereitungen auf Genf nicht hinzugezogen war.

Den Bedenken gegen die vier Dokumente stellt der Autor „sieben ägyptische Prinzipien“ gegenüber:

  • die Stärkung der Autonomiebehörde durch die Kombination von „kraftvollen und weichen Strategien“, zu denen er den Aufbau von gouvernementalen Institutionen einerseits und den Übergang zu einer Sprache des Friedens andererseits rechnet;
  • die Stärkung des israelischen Friedenslagers in drei Schritten: a) der Anerkennung als authentischem Sachwalter der vitalen Interessen Israels und des jüdischen Volkes; b) der Anerkennung der Palästinenser sowie der arabischen und internationalen Seite als politische Partner; c) der Entwicklung eines Handlungsrahmens, um die israelische und die jüdische Öffentlichkeit politisch zu überzeugen;
  • der Kampf um Mehrheiten in der Knesset. Dabei vertraut Hirschfeld auf Meinungsumfragen, wonach die israelische Bevölkerung einen Friedenskurs wünscht, der vom „Likud“ im Verein mit der Siedlerbewegung verhindert werde. Der einstige Schmusekurs („silk gloves“) Rabins und Baraks gegenüber den Siedlern habe der Arbeitspartei und der Schaffung einer starken linksorientierten Friedensbewegung geschadet;
  • die Generierung einer starken Unterstützung durch Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien, deren herrschende Eliten unter dem Eindruck, den ihre Öffentlichkeiten von den Fernsehbildern aus den palästinensischen Gebieten gewinnen, eine weitere Destabilisierung im Nahen Osten befürchten müssten. Alle drei Staaten könnten Israel davon überzeugen, dass ein Endstatus-Abkommen Bestand habe sowie Teil einer umfassenden Befriedung in der gesamten Region sei, und sie könnten den Palästinensern die Furcht nehmen, dass der gegenwärtige Status quo auf Dauer angelegt sei;
  • die Einbeziehung der Arabischen Liga in den Friedensprozess, nachdem die saudische Vorlage in Beirut ihre Zustimmung gefunden habe;
  • die Erneuerung der amerikanischen Führungsrolle, weil Washington für alle Beteiligten die einzige Macht sein, die einen tauglichen Friedensplan gemäß der „Road Map“ vorlegen könne;
  • die Mobilisierung einer vereinigten internationalen Gemeinschaft („United International Community“), in der vor allem Europa aus kontinentalen sicherheitspolitischen Erwägungen, die der Abwehr des Islamismus einen hohen Stellenwert beimisst, eine wichtige Rolle spiele.

Soweit Hirschfeld, der keinen Aufschluss darüber anbietet, was an seinem großen Wurf „ägyptisch“ ist . Man wird ihm allerdings bescheinigen müssen, dass er mit seinen Ausführungen über den Tellerrand engführender Konzeptionen ausbricht. Doch ist auch nicht zu übersehen, dass er eine Skizze präsentiert, die auf den guten Willen aller Seiten gründet, an dem es bislang fehlt. Unter den vorherrschenden Bedingungen ist nicht erkennbar, wie er sich einstellen kann. Hinzu kommt, dass sich die Arabische Liga mit der Absage des für Ende März 2004 geplanten Gipfeltreffens in Tunis erneut als politischer Papiertiger erwiesen hat und die USA im Irak alle Hände voll zu tun haben, den Krieg gegen Saddam Hussein innenpolitisch zu rechtfertigen und vor Ort im Fadenkreuz von politischem und religiösem Fanatismus auch nur den Anschein von Normalität zu bewirken. Die Europäer ihrerseits scheinen mit Problemen wie der gemeinsamen Verfassung und der Ost-Erweiterung genügend beschäftigt, als dass sie große Neigung verspüren würden, sich wieder einmal im israelisch-palästinensischen Konflikt die Finger zu verbrennen.

Reiner Bernstein

Hollis, Rosemary

The Israeli-Palestinian road block can Europeans make a difference?
in "International Affairs" 80(2004)2, pp. 191 ff.

Rosemary Hollis, Leiterin des „Middle East Programme” am „Royal Institute of International Affairs” in London, fällt sofort mit der Tür ins Haus: Ja, Europa könne durchaus zur Entspannung beitragen, wenn es einen aktiven „package deal“ anbiete: Israel gibt seinen Anspruch auf die Westbank und den Gazastreifen einschließlich des arabischen Jerusalem auf und erhält im Gegenzug eine Sonderbeziehung einschließlich der ökonomischen und kulturellen Integration in die Europäische Union sowie NATO-Garantien für seine Sicherheit. Die Palästinenser bekommen ihren eigenen Staat und schwören der Gewalt ab, das Flüchtlingsproblem wird auf internationaler Ebene unter Mitwirkung aller Beteiligten gelöst.

Indem Washington an die Verantwortung palästinensischer Terrorakte für die politische Sackgasse in Nahost glaubt, indem die amerikanischen Verwicklungen im Irak andauern und der Wahlkampf Sharon viel Zeit lassen, für vollendete Tatsachen zu sorgen, und indem sich das amerikanische Prestige in der arabischen Welt rasant dem Nullpunkt nähert, sieht die Autorin die Chancen Europas wachsen. Ihre Realisierung würde allerdings den Abschied von der „Oslo-Mentalität“ voraussetzen, die für die politische Bewegungslosigkeit und die Uneinigkeit der Europäer sorge, weil auf israelische und palästinensische Lernerfolge vertraut worden sei. Gefragt seien Konsequenzen aus der Überzeugung, dass die israelische Regierung alle taktischen Möglichkeiten nutzt, um die Okkupation fortzusetzen. Die „Genfer Initiative“ und die Unterschriftenliste „People’s Voice“ von Amy Ayalon und Sari Nusseibeh sollten dann nicht nur hochgelobt, sondern in ihren Anliegen auch tatkräftig unterstützt werden, denn sie sind der möglicherweise letzte Versuch auf Jahre hinaus, der politischen Vernunft ein Zeitfenster zu öffnen. Da die Pflege zivilgesellschaftlicher Kontakte politischen Stiftungen, Kulturinstituten und Akademien überlassen wurde, ist der regierungsamtliche Nachholbedarf unübersehbar:

„Das Friedenslager in Israel ist zu schwach, ohne Hilfe die Oberhand zu gewinnen. Mehr Druck würde eher jenem Lager schaden. Seine Mitglieder brauchen Argumente, um ihre Positionen zu stärken, Vorschläge, die eine Friedensvision untermauert. Europa kann dafür sorgen.“

Ihre guten Dienste haben die Europäer nach Hollis im Iran und in Libyen erbracht, als sie zur Genugtuung der Amerikaner die dortigen Regierungen davon überzeugten, das Zusatzprotokoll des Vertrags zur Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen zu unterschreiben. Warum, so fragt Hollis, lasse sich diese Erfahrung nicht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt übertragen? Die Antwort darauf dürfte ziemlich schlicht sein: weil es weder eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik gibt noch weil Europa den ambitionierten Mut gefasst hat, die bisherige, zur Mehrdeutigkeit Anlass gebende „Ausgewogenheit“ in der Erkenntnis zur Disposition zu stellen, dass sie den Frieden keinen Schritt nähergebracht hat, weil sie bei den Parteien vor Ort den Verdacht konventioneller Gleichgültigkeit nährte und sie die eigenen Handlungsoptionen definieren ließ.

Ob die Europäer bislang deshalb scheiterten, weil sie an die Stelle von Anreizen Israel mit Drohungen zusetzten, ist jedoch nicht recht nachvollziehbar. Gleiches gilt, wenn die Autorin ein vermeintlich ständiges Nachdenken über Sanktionen kritisiert und darauf pocht, dass Europa die nahöstliche Chemie durch eigene Anreize für Israel verändern könne, oder wenn sie der Regierung in Jerusalem vermitteln will, dass Europa nicht länger gewillt sei, die Okkupation durch Finanztransfers an die Autonomiebehörde – monatlich zehn Millionen Euro allein zur Bezahlung von Gehältern – zu finanzieren. Auch mit der Idee, Europa könne die geringe strategische Tiefe Israels kompensieren – was darauf hinauslaufen würden, dass sich Israel politisch endgültig aus dem arabischen Nahen Osten verabschiedet –, scheint die Autorin hinter ihre eigenen Hypothesen von der offenkundigen Beratungsresistenz der israelischen Regierung zurückzufallen. Denn Brüssel hätte längst dazu Gelegenheit gehabt, ihren politischen Unmut nachdrücklich zu artikulieren und einen entscheidenden Beitrag zum Frieden zu leisten. Da sie zu solchen Schritten entweder nicht fähig oder nicht willens sind, würden Zahlungsverweigerungen in der Tat auf eine humanitäre Katastrophe unter den Palästinensern hinauslaufen.

Für ein entschiedenes Auftreten der Europäer im Nahen Osten bedarf es mehrerer Voraussetzungen. Dazu gehört der Abschied von der stereotypen Formel der amerikanischen Vorreiterrolle. Die „alten“ EU-Staaten dürfen es sich zweitens nicht leisten, die große Dankbarkeit der Beitrittsländer für die amerikanische Hilfestellung bei der Befreiung aus den Klauen der Sowjetunion zu unterschätzen. Sie müssen drittens dafür sorgen, dass Tony Blair ohne politischen Gesichtsverlust von seinem amerikanischen Irak-Alliierten Abstand gewinnt, und ihn noch stärker auf die Europäische Union als kompetenten politischen Handlungsrahmen verpflichten, nachdem die Londoner Regierung in Sachen Nahost seit langem Europa viel näher liegt als Washington. Viertens sind Frankreich und Deutschland zwar auf dem Wege, den durch den Irak-Krieg ausgelösten Bruch mit Washington allmählich zu kitten, doch auch für sie gilt die Devise: statt transatlantische Rivalität mehr Selbstbewusstsein im europäischen Haus. Solange es aussteht, bleibt der Vorrang nationaler Außenpolitiken nolens volens unbeschadet.

Europa stehen, darin ist der Autorin zuzustimmen, gewaltige Anstrengungen im Nahen Osten bevor, wenn sie ein eigenes Gewicht in die Waagschale werfen will. Wie ist zu bewerkstelligen, den tödlichen Antagonismus aus Ablehnung, Feindschaft und Hass zwischen Israelis und Palästinensern zugunsten einer friedlichen Koexistenz zu überwinden, und wie hebt sich ein solcher Ansatz von der amerikanischen Überzeugung ab, dass Israels Besatzung im Prinzip auf den „Kampf gegen den Terror“ ausgerichtet sei? Wie lässt sich eine israelische Politik verhindern, die den Konflikt weiter verschärft, und wie kann in allen Ländern Europas dafür gesorgt werden, die Beziehungen zu Israel im Lichte des wachsenden Antisemitismus zu bedenken? Überzeugende Antworten darauf sind bislang nicht in Sicht. Auch Rosemary Hollis muss sich mit Analysen und Appelle begnügen.

Reiner Bernstein

Hroub, Khaled

Hamas
Political Thought and Practice

Institute for Palestine Studies, Washington, D.C., 2000. 329 S.

Das in arabischer Sprache erstmals 1996 vorgelegte Buch unterstreicht die wachsende politische Bedeutung von „Hamas” als Konkurrenz zur PLO und zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Anhand einer Fülle von gedruckten und ungedruckten arabischen Veröffentlichungen und englischsprachiger Sekundärliteratur untersucht der an der Universität Cambridge lehrende Autor die ideologische Dynamik der „Islamischen Widerstandsbewegung“ aus den Quellen der Moslembruderschaft seit Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Besondere Beachtung finden bei Hroub die Vorstellungen von „Hamas“ nicht nur zum Zionismus, zu Israel und zum politischen Westen, sondern auch zum Judentum und zum Arabismus, bevor er sich den innerpalästinensischen und moslemischen Dimensionen zuwendet. Dass allgemeine Wahlen lediglich als Legitimation für die Machtübernahme angesichts des Versagens der Autonomiebehörde interpretiert werden, nimmt nicht weiter wunder. Interessanter ist Hroubs Eindruck, dass unter den Bedingungen der israelischen Besatzung ein politisch-ideologischer Stillstand des Denkens vorherrsche, der auf einen minimalen Konsens zulaufe. Auch wenn als Eindruck die bemerkenswerte Leistung hervorstricht, die deutschsprachigen Publikationen bislang abgeht, hätte es dem Buch gut getan, wenn die untersuchten Phänomenen stärker in ein gesamttheoretisches Gebäude eingebettet worden wären.

Reiner Bernstein