Vorwärts, Narrenschiff

von Ari Shavit [1]

Wir sind schon bisher Narren gewesen. Wir waren 1967 Narren, als wir nicht den Fluch der [palästinensischen] Gebiete verstanden, und 1973, als wir den heraufziehenden Yom-Kippur-Krieg nicht gesehen haben. Wir waren Narren, als wir die Siedlungen errichteten und als wir [1982] in den Libanon eindrangen, als wir glaubten, dass Oslo das Ende der Tage symbolisiere, und als wir hofften, dass Camp David das Ende des Konflikts markieren würde. Das vorausgeschickt, scheint es so, dass wir nie zuvor größere Narren waren als heute – vorsätzliche Narren, die nicht wissen wollen, die nicht die Art des Sturms verstehen wollen, in dem sie segeln.

Der Sieg von Hamas am 25. Januar ist ein historisches Ereignis unter zwei Gesichtspunkten. Zum einen hat er uns dreißig Jahre zurückgeworfen, auf die Vortage des israelisch-palästinensischen Dialogs, auf die Tage einer faktischen Forderung nach dem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge und einem Wunsch nach vollständiger Zerstörung [Israels]. Er hat uns auf die Tage zurückgeworfen, als Gamal Abdel Nasser und Achmed Shukeiri in denselben und [mittlerweile] vergessenen Drohsprache redeten, die heute von Machmud Achmadinedjad, Machmud Zahhar und Khaled Mesh’al benutzt wird[2].

Andererseits hat uns der Sieg von Hamas in eine Lage versetzt, in der wir nie zuvor gewesen sind. Wenn die Vertretung des palästinensischen Volkes nicht nationalistisch-säkular, sondern religiös-fundamentalistisch ist, wird ein Albtraum wahr. Dann dreht sich der Konflikt nicht mehr um die Besetzung des Jahres 1967 oder die [palästinensische] Katastrophe von 1948, sondern es handelt sich um einen religiös-kulturellen Konflikt der dunkelsten Sorte. Es geht nicht mehr um Gush Katif oder Djebel Mussa[3], sondern es handelt sich um einen Al-Aqza-Konflikt – einen Konflikt zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, zwischen Djihad-Kämpfern und Kreuzzüglern.

Wenn die Fundamentalisten gegenwärtig noch eine Minderheit in der palästinensischen Gesellschaft sind, dann ist diese Minderheit an die Macht gekommen und vertritt das palästinensische Volk zur Gänze. Auch wenn es unterschiedliche Stimmen innerhalb von Hamas geben mag und einige ihrer Führer einen taktischen Pragmatismus an den Tag legen, wird und kann Hamas nicht Israels Existenzrecht anerkennen. Wenn es keinen Determinismus in der Geschichte gibt und in ein paar Jahren die Palästinenser vielleicht die Vorstellungen von Hamas zurückweisen und zur politischer Rationalität zurückkehren, die nach einer Lösung sucht, so schaut die Realität erst einmal so aus: Wir stehen gegen einen palästinensischen Nachbarn, dessen Antlitz sich zur Unkenntlichkeit verändert hat. Es sagt uns, dass wir gehen und nicht bleiben und aufhören sollen zu existieren.

Israel hat es im 21. Jahrhundert mit dieser Realität schwer. Es ist schwer für uns, an eine weitere frontale Konfrontation und an die Möglichkeit zu denken, dass es tatsächlich niemand gibt, mit dem wir sprechen können. Es ist schwer, mit der Tatsache jetzt zurechtzukommen, dass wir die Idee zweier Staaten akzeptiert haben und die Palästinenser sie zurückweisen. Wir wissen nicht, was wir mit Palästinensern anfangen sollen, die alles verlangen, vom [Jordan-]Fluss bis zum Meer.

Und wir müssen mit einer weiteren Schwierigkeit zurechtkommen: Wir haben eine harte Zeit vor uns, die Tatsache anzuerkennen, dass die neuen Palästinenser, die Fundamentalisten, großen Erfolg haben. Sie haben uns aus dem Gazastreifen vertrieben, und sie sind drauf und dran, uns aus der Westbank zu vertreiben, ohne dass wir in der Lage sind, unsere Existenz in den verbesserten Grenzen von 1967[4] zu verteidigen. Wir haben eine harte Zeit vor uns, die Tatsache anzuerkennen, dass sie uns in eine schrittweise Räumung auf die Clinton-Linien[5] zwingen, ohne uns etwas von den Zusagen Clintons als Gegenleistung zu geben – Frieden, Demilitarisierung [des künftigen Staates Palästina], kein Recht auf Rückkehr [der palästinensischen Flüchtlinge]. Kurz gesagt, wir haben eine harte Zeit vor uns, die Tatsache anzuerkennen, dass wir von palästinensischen Fundamentalisten ausgespielt werden.

Nach dem langen Terrorkrieg ist Hamas dabei, einen feindseligen palästinensischen Staat aufzubauen, ohne dass wir in verteidigungsfähigen Grenzen eines anerkannten jüdischen Staates sicher sind. Hamas ist dabei, Israel in die Nachbarschaft der Grünen Linie [von 1967] zurückzudrängen, ohne dazu gezwungen zu sein, auf eine einzige Forderung eines Israel innerhalb der Grünen Linie zu verzichten.

So stehen die Dinge. Das ist die Wagenburg, in der sich Israel wiederfindet. Und mit der Situation, wie sie ist, lautet die Frage nicht, wie wir damit umgehen, sondern wie wir davon wegkommen. Vorwärts wohin? Wie können wir es verhindern, dass sich der nächste einseitige israelische Rückzug zu einer verheerenden Niederlage auswächst? Wie kommen wir mit dem Fluch der Besatzung zurecht, ohne das bösartige Wachstum des Fundamentalismus zu übertreiben? Wie können wir uns aus dem Land Israel[6] zurückziehen, ohne die Grundlagen der Existenz des Staates Israel zu erschüttern?

Diese Fragen sind von existentieller Bedeutung. Sie erfordern ein neues Denken, eine neue Strategie, einen neuen Diskurs. Sie erfordern eine professionelle, tiefgründige öffentliche Debatte. Diese Fragen sollten im Mittelpunkt der Wahlkämpfe stehen, an deren Ende eine schicksalsschwere Entscheidung zu fällen ist. Doch die israelische Öffentlichkeit und die Eliten in Israel haben sich entschieden, diese Fragen nicht zu stellen – nicht echt, nicht aufrichtig. Nicht so, wie wir es jetzt nötig hätten, die Trance ist in vollem Gange. Auf dem Oberdeck feiern die fetten Katzen zu den Klängen des DJ einen neuen Kapitän[7]. Und der neue Kapitän feiert mit den fetten Katzen. Wie nie zuvor wollen wir nicht die schwarze See sehen, auf dem unser Narrenschiff segelt. Wir wollen nicht die steigenden Wogen sehen. Vorwärts, tanzen wir. Vorwärts, rufen wir. Vorwärts, Narrenschiff.

Übersetzung aus dem Englischen unter Beiziehung des hebräischen Originals von Reiner Bernstein.

[1] Erschienen in „Haaretz“ am 16.02.2006. Ari Shavit ist einer der angesehensten israelischen Publizisten, der für „Haaretz“ gewöhnlich die „großen“ Interviews führt. Der Beitrag, dem Charakteristika eines um Widersprüche nicht verlegenen Alarmismus eigen sind, spiegelt die tiefe Verunsicherung in weiten Kreisen der israelischen Bevölkerung wider.

[2] Shukeiri war der Vorgänger Arafats als Vorsitzender der PLO. Achmadinedjad ist Irans Staatspräsident. Zahhar ist einer der führenden „Hamas“-Repräsentanten im Gazastreifen, und Mesh’al leitet das Politische Büro von „Hamas“ in Damaskus.

[3] Gush Katif war der große Siedlungsblock im Süden des Gazastreifens. Der Djebel Mussa liegt in der Westbank. Gemäß einer der vielen Legenden soll von dieser Anhöhe aus Moses in das Heilige Land geschaut haben.

[4] Shavit spielt wahrscheinlich auf die von der israelischen Regierung beabsichtigte Annexion der drei großen Siedlungsregionen Ariel, Maale Adumim und Guth Etzion an.

[5] Gemeint sind die „Parameter“ von Bill Clinton, die dieser im Dezember 2000 zur Überwindung des Verhandlungsstillstands vortrug. Vgl. dazu Reiner Bernstein: Von Gaza nach Genf. Die Friedensinitiative von Israelis und Palästinensern. Schwalbach/Ts. 2006, S. 30 f.

[6] Gemeint ist die Westbank, „Judäa und Samaria“.

[7] Gemeint ist Ehud Olmert.