Palästinensische Schulbücher unter Kritik

Von Anabel Rett, Bonn

Die Schulbücher keines Landes werden so unter die Lupe genommen wie palästinensische Schulbücher[1]. Man kann diese Schulbücher sogar im Internet begutachten bzw. vollständig herunterladen[2]. Dieser Bericht soll die Hintergründe des palästinensischen Bildungswesens, die Entstehung der erst vor einigen Jahren entstandenen palästinensischen Schulbücher und die wichtigsten Kritik- und Analysepunkte an ihnen skizzieren. Als Rezensentin einiger palästinensischer Schulbücher für das Fach Geschichte war die Verfasserin im Rahmen des Schulbuchprojektes des Georg-Eckert Instituts in Braunschweig an einer der Studien beteiligt, die in diesem Bericht erwähnt werden.

Zur Entstehung des palästinensischen Lehrplans

Bis 1994 hat die Israelische Zivilverwaltung das Bildungssystem in den Palästinensischen Gebieten bestimmt. Bis 1994 wurde in den palästinensischen Gebieten nach jordanischen (West Bank) beziehungsweise ägyptischen Schulbüchern (Gazastreifen) unterrichtet. Diesen Schulbüchern kann man zu Recht Antisemitismus und Aufhetzung vorwerfen[3]. Das Erbe der Palästinensischen Autonomiebehörde 1994 war also ein Bildungssystem, das auf Schulbüchern basierte, in denen der Holocaust nicht thematisiert und Israel nur im Zusammenhang mit dem arabisch-israelischen Konflikt erwähnt wurde. Als 1994 gemäß der Osloer Verträge eine Palästinensische Autonomiebehörde (PA) errichtet wurde, begann diese, einen palästinensischen Lehrplan in Auftrag zu geben. Die PA etablierte das „Curriculum Development Center (CDC)“. In der Zwischenzeit wurde weiterhin nach jordanischen bzw. ägyptischen Schulbüchern unterrichtet.

1996 veröffentlichte das CDC einen 600seitigen Bericht, der das palästinensische Bildungssystem scharf kritisierte. Bedeutsam hierbei ist, dass das CDC unabhängig von der Palästinensischen Autonomiebehörde arbeitete. Sein Team zur Entwicklung eines Lehrplans bestand aus palästinensischen Akademikern, Bildungsspezialisten und Lehrern – nicht aus Regierungsmitarbeitern. Man interviewte auch Lehrer und Schüler direkt. Diese Untersuchung führte zu bedeutsamen und detaillierten Vorschlägen für eine Verbesserung der Schulbücher.

Der Bericht des CDC wurde dem Vorschlag des Bildungsministeriums zu Grunde gelegt, welcher wiederum vom „Palestinian Legislative Council“ – dem Parlament – abgesegnet wurde. Ein vollständig neues CDC, dieses Mal zugehörig zum Bildungsministerium, wurde errichtet, um neue Schulbücher zu schreiben. Im Jahre 2000 entwickelte es Bücher für die erste und sechste Klasse, 2001 Bücher für die zweite und siebte Klasse und so weiter, bis das gesamte System auf den neuen Lehrplan umgestellt war. Wie das CDC vorgeschlagen hatte, enthielt der neue Lehrplan auch die Themen „Civic Education“, Menschenrechte und Demokratie[4].

Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern, wo im Unterricht auf das Auswendiglernen von Texten Wert gelegt wird, konzentriert sich der palästinensische Lehrplan auf die Anregung zu kritischem Denken, Entscheidungsprozessen und Problemlösungen. In Rollenspielen, Fallstudien und Gruppenarbeit wird Demokratie gelehrt sowie ein Mehrparteiensystem und Menschenrechte vermittelt. Kritisiert werden kann, dass Problemlösungen nicht außerhalb des religiösen Kontextes angegangen werden[5].

Palästinensische Schulbücher unter der internationalen Lupe

In Israel, in den USA und in Deutschland wird bzw. wurde behauptet, palästinensische. Schulbücher riefen zu offenem Hass gegen Israel auf, predigten Intoleranz und ermunterten zum bewaffneten Kampf gegen Israel. Daraufhin haben verschiedene Länder unabhängig voneinander Studien durchgeführt, die die palästinensischen Schulbücher begutachteten. Institutionen sind zum Beispiel das „Israel/Palestine Center for Research (IPCRI)“, das im März 2003, im Juni und November 2004 Studien durchgeführt hat, sowie das Georg-Eckert Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig oder die Hebräische Universität in Jerusalem. Im Jahre 2001 initiierte die EU eine eigene Studie[6] über palästinensische Schulbücher. Alle sind unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Aufhetzung zu Gewalt und Hass in palästinensischen Schulbüchern gibt. Im Kontrast dazu steht eine Bemerkung Ariel Sharons, der behauptete, palästinensische Schulbücher seien schlimmer als jeglicher Terrorismus[7]. Er forderte eine Reform der palästinensischen Bücher als Voraussetzung für die Fortsetzung der Verhandlungen mit der palästinensischen Seite[8].

Die Studie des IPCRI, dem einzigen palästinensisch-israelischen „Think Tank“, vom März 2003 kam zu dem Ergebnis, dass sich der Lehrplan für die nationalen Interessen der Palästinenser einsetzt und die israelische Besatzung verurteilt. Hass und Gewalt würden jedoch nicht gepredigt werden. Stattdessen werde religiöse und politische Toleranz vermittelt, allerdings aus einem islamischen Blickwinkel. Dass die Geschichte verfälscht werde, könne man nicht behaupten. Auch die Studie des „Middle Eastern Media Reseach Centers (MEMRI)“[9] aus dem Jahre 2001 kommt zu dem Resultat, dass das direkte Aufhetzen in palästinensischen Schulbüchern abgenommen hat. Im Jahr 2003 zeigt ein neu gedrucktes Schulbuch für das Fach „Islamische Kultur“ jedoch einen Rückschritt, nämlich die Aufforderung zum „Djihad“ und zum Märtyrertum.

Mängel vs. positive Ansätze

Es gibt durchaus einige Mängel. Zum Beispiel wird das Märtyrertum glorifiziert, und zwar im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Kreuzritter und die türkische Herrschaft. „Djihad“ und Märtyrertum werden als religiöse Pflicht bezeichnet. Trotzdem wird Gewalttätigkeit nicht propagiert, sondern ein friedlicher Befreiungskampf am Beispiel von Mahatma Gandhi, wie es in deutschen Lehrplänen ebenfalls üblich ist[10]. Weitere Kritikpunkte sind der Kürze wegen nachfolgend stichwortartig aufgeführt:

– Fremdbilder beschränken sich auf Christen – Juden werden außer acht gelassen, obwohl sie ebenfalls zu den „Ahl al-Kitab“ („Völker des Buches“) gehören bzw. Dhimmis, sogenannte Schutzbefohlene sind (dabei muss man beachten, dass es in Palästina kein Zusammenleben mit Juden gibt und diese Darstellung schlicht der Realität entspricht. Im Lehrplan Schleswig-Holsteins, Klassenstufe 7 der Hauptschule, Fach Geschichte, geht es auch um das „Zusammenleben von Christen und Juden“ im Mittelalter, die Begegnung mit Muslimen erfolgt während der Kreuzzüge),

– Palästina wird nicht global eingebunden;

– die Geschichte wird selektiv vermittelt, einige historische Ereignisse werden ignoriert bzw. nur aus einer Perspektive dargestellt;

– Juden und Judentum werden auf inadäquate Weise dargestellt; andere Kulturen und Religionen sind bedeutungslos.

Bedeutsam ist aber, dass in den Büchern Israel nicht das Existenzrecht abgesprochen wird. Allerdings wird Israel nur selten erwähnt. Problematisch ist auch die Darstellung des Grenzverlaufes, weil dafür bisher noch keine israelisch-palästinensische Einigung existiert. „Der Lehrer kann nicht etwas diskutieren, wofür es noch keine politische Lösung gibt[11].“ Sehr treffend beleuchtet eine Bemerkung aus der Magisterarbeit von Jonathan Kriener die überzogene Forderung an Palästinenser, Zugeständnisse und Kompromisse zu machen: „Zu erwarten, Palästinenser sollten Städte wie Jaffa oder Nazareth nicht mehr als palästinensische Städte betrachten und ihrer Vertreibung [...] nicht gedenken [...], kommt einer Aufforderung zur nationalen Amnesie gleich. Juden haben ein solches Gedächtnis über zwei Jahrtausende in Bezug auf das Land bewahrt[12].“

Frieden predigen in einer gewaltbeherrschten Umgebung

In seinem Artikel in der „International Herald Tribune“ vom 18.12.2004 bemerkt der Journalist Roger Avenstrup, es sei die größte Zwickmühle, im Klassenraum Frieden zu predigen, während draußen auf der Straße israelische Panzer ihre Munition abfeuerten. Selbstmordanschläge und Raketenbeschüsse israelischer Städte seien ebenfalls keine guten Beispiele für palästinensische Schulkinder, die eine friedliche Konfliktlösung lernen sollen.

Gewalt lernen Schulkinder schon im Alltag, wenn sie miterleben müssen, wie Familienmitglieder vor ihren Augen getötet werden oder sie selber Misshandlungen ausgesetzt sind. 80 Prozent der palästinensischen Schulkinder leben in einem ständigen Trauma. Sie erleben, dass ihre Eltern sie nicht beschützen können[13]. Man könnte also sagen, dass es nicht notwendig ist, in Schulbüchern oder im Fernsehen Hass und Gewalt zu predigen. Um zu einem Arzt in einem Krankenhaus zu kommen, muss ein Kind aus der Nähe von Ramallah stundenlang mit seinem Vater zu Fuß gehen. Als Bestrafung bzw. Vergeltung für ein Selbstmordattentat wird oft das Haus der Familie des Attentäters demoliert. Der Familie werden in diesem Fall nur wenige Minuten gelassen, das Haus zu räumen. Da Schüler seit jeher eine aktive Rolle in gewaltsamen Auseinandersetzungen spielen, ist es schwierig für den Lehrer, Gewalt und Selbstmordattentate zu verurteilen. Die tägliche Gewalt und die Toten in den Straßen wirken prägnanter auf die Kinder als jeglicher Schulunterricht. Solange in den Straßen die Gewalt auf der Tagesordnung steht, ist ein Einfluss von außen kaum möglich[14]. „Viele unterschätzen die Komplexität und den Zeitbedarf der Versöhnung und des Heilungsprozesses[15].“ Eine nachhaltige Veränderung kann folglich erst in der „Nachkriegszeit“ stattfinden. Bei aller Kritik und Lob am palästinensischen Bildungssystem sollte demnach die oft abnorme aktuelle politische und humanitäre Situation in der Region berücksichtigt werden.

[1] Vgl. dazu Roger Avenstrup in der „International Herald Tribune“ 18.12.2004.

[2] Vgl. dazu http://www.pcdc.edu.ps/textbooks/index.htm.

[3] Vgl. dazu Falk Pingel in einem Interview des NDR 4, Forum 4 Bildungsreport am 27.4.2002.

[4] Vgl. dazu Reema Hijazi, Unwarranted Controversy: American Politicians, Israeli Critics and Palestinian Textbooks / www.cnionline.org/learn/palestine/unwarranted_controversy.htm.

[5] Vgl. dazu Israel/Palestine Center for Research IPCRI Studie März 2003.

[6] Vgl. dazu http://europa.eu.int/comm/external_relations/mepp/faq/heads_%20mission_schoolbooks.pdf.

[7] Vgl. dazu Roger Avenstrup, Herald Tribune, 18.12.2004.

[8] Vgl. dazu Palestine Report, 9. März 2005, Voll 11, No. 36.

[9] http://www.memri.org/

[10] Vgl. dazu Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Lehrplan für die Sekundarstufe I, Geschichte, Klassenstufe 8).

[11] Vgl. dazu Dr. Falk Pingel in einem Interview des NDR 4, Forum 4 Bildungsreport am 27.4.2002.

[12] Vgl. Fremdbilder im Konflikt, Bochum, 2001, 137.

[13] Vgl. dazu Jerusalem Post,16.12.2004, Autorin Ruthi Blum, Interview mit Hanan Ashrawi.

[14] Vgl. dazu Falk Pingel in einem Interview des NDR 4, Forum 4 Bildungsreport am 27.4.2002.

[15] Zitat aus der Erklärung des palästinensischen Bildungsministeriums vom 12.5.2001 als Entgegnung auf die internationale Kritik an palästinensischen Schulbüchern und den Vorwurf der Aufhetzung.