Das Jahr 1948 im palästinensischen Kollektiv:

Die „Nakba“ (Katastrophe) [1]

von Samira Mazouz-Eikenberg

Nicht nur realpolitische Fragen, sondern auch das Thema der „Erinnerung“ spielt im israelisch-palästinensischen Konflikt eine bedeutende Rolle. Die Geschehnisse des Jahres 1948 sind entscheidend in diesem Kontext, insbesondere da hier eine entgegengesetzte Wahrnehmung auf israelischer und arabisch-palästinensischer Seite festzustellen ist. Während aus israelischer Sicht von „Unabhängigkeitskrieg“ oder „Befreiungskrieg“ und von der Proklamation des Staates Israel die Rede ist, wird derselbe Zeitraum aus palästinensischer Sicht mit dem Verlust Palästinas und mit der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser aus ihrer Heimat, mit dem Begriff „Nakba“, das heißt „Katastrophe“ oder „Schicksalsschlag“ assoziiert. Die palästinensische Gesellschaft, wie sie vor 1948 bestanden hatte, wurde grundlegend verändert. Von den ehemals 1,4 Millionen arabischen Einwohnern des Mandatgebiets Palästina waren rund 700.000 bis 760.000 geflohen oder vertrieben worden.[2] Palästinenser leben fortan über die gesamte Welt verstreut in Europa, den USA, Kanada, vor allem aber in den arabischen Nachbarstaaten Jordanien, Libanon, Syrien und Ägypten, im Gaza-Streifen, der 1950 unter ägyptische Militärverwaltung gestellt wurde, ferner in der 1948 von Jordanien besetzten „Westbank“ und als arabische Minderheit in Israel. Die geographisch zerstreute palästinensische Gesellschaft hatte keine Führung, verfügte über keinerlei gemeinsame institutionelle Basis oder politische Repräsentation. Palästina als politische Einheit existierte nicht mehr, statt dessen waren zwei neue Staaten entstanden, Israel und das Haschemitische Königreich Jordanien[3]. 1948 konstituiert damit die zentrale Zäsur in der palästinensischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und wird als die letztlich prägende Erfahrung für alle Palästinenser verstanden, nicht nur individuell, sondern auch in ihrem kollektiven Bewusstsein[4].

Gegenstand meines Vortrags ist das symbolträchtige Jahr 1948, die „Nakba“ im palästinensischen Kollektiv. Dabei kann ich nicht vorgeben, für das palästinensische Kollektiv sprechen zu können, denn das ist zugegebenermaßen ein sehr vager Begriff, und das palästinensische Kollektiv ist kein einheitliches Ganzes, sondern selbstverständlich überaus heterogen. Des Weiteren ist offensichtlich, dass es sehr vielfältige Formen der Verarbeitung und des individuellen und kollektiven, privaten und öffentlichen Gedenkens an die „Nakba“ gibt, so beispielsweise in Form von Gedenktagen, in Liedern, Theateraufführungen, Filmen, in der Kunst, Dichtung, Literatur und in der Geschichtsschreibung. Ich werde mich vor allem mit der palästinensischen Historiographie und Erinnerungsliteratur beschäftigen.

Unter „Palästina“ als geographischer Einheit verstehe ich, Maurus Reinkowski und vielen anderen Autoren folgend, dasjenige Gebiet, das von 1923 bis 1948 von der britischen Mandatsregierung verwaltet und als „Palestine“ bezeichnet wurde[5].

Selbstverständlich hat die Zäsur von 1948 in der modernen Geschichte Palästinas eine Vorgeschichte und kann nicht losgelöst gesehen werden von den vorangegangenen historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen Palästinas und der gesamten Region. Da ich diese Entwicklungen nicht in ihrer Komplexität darstellen kann, verweise auf die „Geschichte Palästinas“ von Gudrun Krämer[6].

Die „Nakba“ wird bei palästinensischen Autoren generell in zwei Phasen aufgeteilt: Die erste Phase beginnt mit dem 29. November 1947, d.h. mit der Verabschiedung der Teilungsresolution der Vereinten Nationen und endet am 14./15. Mai 1948 mit dem Ende des britischen Mandats, der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel und dem Einmarsch der arabischen Armeen in Palästina. Der Wendepunkt am 14./15. Mai 1948 stellt den Anfangspunkt der zweiten Phase dar; diese dauert bis zum Abschluss der Waffenstillstandsverträge zwischen Israel und den fünf beteiligten arabischen Staaten im ersten Halbjahr 1949. Die erste Phase ist die des palästinensisch-jüdischen Kampfes, die zweite die des arabisch-israelischen. Ausdrücklich weisen palästinensische Autoren darauf hin, dass es in der Zeitspanne 1947 – 1949 nicht einen, sondern zwei Kriege gegeben hat. Ausschlaggebend für den Verlust Palästinas sei jedoch die erste Phase, denn noch vor dem Einmarsch der arabischen Armeen am 15. Mai 1948 seien die Würfel gefallen; der Krieg war im Grunde schon verloren und die Massenflucht hatte bereits eingesetzt[7].

In der palästinensischen Wahrnehmung des Jahres 1948 lassen sich drei zentrale Grundfragen herauskristallisieren, auf die mehr oder minder explizit in allen Werken und Artikeln palästinensischer Autoren Bezug genommen wird: Zunächst die Frage, was im Jahr 1948 geschehen ist. Mit dieser Frage verbunden ist die Suche nach den Gründen und Ursachen, also mit der grundlegenden Frage danach, warum es in Palästina zur „Nakba“ gekommen ist. Offensichtlich stehen auch die unmittelbaren Folgen der „Nakba“ im Mittelpunkt, darunter insbesondere die Flüchtlingsproblematik. Dabei geht es um die Frage: Warum haben die Palästinenser ihr Land verlassen? Diesen drei Fragen möchte ich mich widmen.

1. Was ist geschehen?

1.1. Die UNO-Teilungsresolution

Am 29. November 1947 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit 33 zu 13 Stimmen bei 10 Enthaltungen die Resolution 181, welche die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah. Diese folgenreiche Resolution war und ist aus palästinensischer Sicht zutiefst ungerecht. Festgemacht wird diese Ungerechtigkeit an der demographischen Realität und den Landbesitzverhältnissen zu dieser Zeit, nämlich mit dem Verweis darauf, dass bei einer Bevölkerung von rund 1,4 Millionen arabischen Palästinensern und 600.000 Juden im Mandatsgebiet Palästina der jüdische Anteil bei einem knappen Drittel (31%) lag. Moralische Erwägungen ungeachtet konnte es daher auf rein rechnerischer Ebene nicht gerecht sein, dass dem arabischen Staat lediglich 44,5% des Landes, dem jüdischen Staat aber 55,5% des Landes (und dann auch noch die fruchtbarsten und besten Böden in der Küstenebene) zugesprochen wurde, zumal die Juden lediglich 7% des Landes gekauft hatten und daher ihr Eigen nennen konnten[8].

Schließlich wird kritisiert, dass die Mehrheit der Bevölkerung, die arabischen Palästinenser, bei einer sie unmittelbar betreffenden Angelegenheit nicht konsultiert wurden. Über ihre Köpfe hinweg wurde die Teilung ihres Landes, das sie als ihre legitime Heimat betrachteten, beschlossen[9]. Infrage gestellt wird auch, inwieweit man – wie in der internationalen Literatur üblich – den Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen als einen „Kompromiss“ bezeichnen könne, da doch, wie der palästinensische Historiker Walid Khalidi unterstreicht, ein Kompromiss Zugeständnisse von beiden Seiten voraussetze. Welche Zugeständnisse aber machte die jüdische Seite? fragt er. Die Juden stimmten Walid Khalidis Ansicht nach lediglich ihren eigenen Forderungen zu[10].

Die jüdische Bevölkerung Palästinas begrüßte und feierte die Entscheidung der Vereinten Nationen, die arabische war entsetzt. Aus palästinensischer Sicht konnte es nicht sein, dass die Araber Palästinas die Schuld der Europäer beglichen, die „ihre eigenen“ Juden diskriminiert und verfolgt hatten, um ihnen dann ein Land zu schenken, das ihnen nicht gehörte. Arabische Politiker erkannten das Leid an, das den europäischen Juden zugefügt worden war – aber von Europäern, nicht von ihnen[11].

1.2. Palästinensischer Widerstand

Der Verabschiedung der UNO-Teilungsresolution folgten palästinensisch-jüdische Auseinandersetzungen. Dazu ist in der palästinensischen Literatur festzustellen, dass die jüdischen Kräfte als die Aggressoren angesehen werden, auf die mit palästinensischem Widerstand reagiert wurde. Allerdings wird der palästinensische Widerstand unterschiedlich bewertet; einige palästinensische Autoren sprechen von heldenhaftem Widerstand[12], während einige Berichte von Zeitzeugen ein entgegengesetztes Bild vermitteln: Hier ist die Rede davon, dass die „Widerstandskämpfer“ nicht oder kaum gekämpft hätten und z.T. vor dem Angriff jüdischer Gruppen flüchteten. Von palästinensischen Kollaborateuren ist ebenfalls die Rede[13]. In der palästinensischen Literatur sind die Mittel des palästinensischen Widerstandes (Anschläge auf zivile Einrichtungen, öffentliche Plätze, Busse und Restaurants), auch wenn sie noch so viele zivile Opfer forderten, nicht umstritten. Dem Feind und Aggressor wurde mit gleichen Mitteln geantwortet, so die Auffassung. Die Interpretationen und Bezeichnungen von Anschlägen gehen jedoch, je nach dem, ob sie von Juden oder Palästinensern verübt wurden, deutlich auseinander. Das mag an einem Beispiel unter vielen klar werden: In der Darstellung Walid Khalidis sind diejenigen, die am 5. Januar 1948 das (arabische) Semiramis-Hotel in Jerusalem in die Luft gesprengt und damit den Tod von 20 Zivilisten verursacht haben, „jüdische Terroristen“. Auf der anderen Seite wird die mit Hilfe einer Autobombe verursachte Explosion in den Büros der (jüdischen) „Palestine Post“, bei der gleichfalls 20 Zivilisten starben, als „palästinensischer Widerstand“ bezeichnet[14]. Dieser doppelte Standard ist in der israelischen Geschichtsschreibung ebenso zu bemerken. Bis heute handelt es sich um ein hochaktuelles Thema, ob Selbstmordanschläge unter die Definition von „Terror“ oder „Widerstand“ fallen.

1.3. Dair Yasin

Ein zentraler Topos in der palästinensischen Wahrnehmung in Bezug auf die „Nakba“ ist das Massaker von Dair Yasin, das am 9. April 1948 von Mitgliedern der jüdischen paramilitärischen Verbände „Lehi“ und „Irgun“[15] verübt wurde. Das Massaker des bei Jerusalem gelegenen Dorfes taucht in allen Studien palästinensischer Autoren zum Thema „Nakba“ auf[16]. Man kann daher sagen: Das Massaker von Dair Yasin fungiert unter Palästinensern als das Symbol für die Unmenschlichkeit des jüdischen Gegners und für das eigene Leid. Palästinensische Autoren heben den friedlichen Charakter des Dorfes hervor, das Nichtangriffsabkommen mit den umliegenden jüdischen Siedlungen abgeschlossen hatte. Das unmenschliche und unmoralische Vorgehen der Verbände „Lehi“ und „Irgun“ ist ein durchgängiges Motiv. Es wird daran festgemacht, dass zwischen bewaffneten Widerstandskämpfern, Frauen, Kindern und alten Menschen nicht im geringsten differenziert wurde. Ferner wird dargestellt, dass einige Schulmädchen vergewaltigt und verstümmelte Leichname in Brunnen geworfen wurden. Als Ausdruck von großer Abscheulichkeit wird interpretiert, dass die Gefangenen von Dair Yasin (wiederum Männer, Frauen und Kinder, etwa 150 an der Zahl) auf Lastwagen geladen und in einem „Siegeszug“ durch die jüdischen Viertel Jerusalems gefahren wurden, wo sie von den jüdischen Bewohnern beschimpft und bespuckt wurden, um schließlich im arabischen Teil Jerusalems abgeladen zu werden, damit sie erzählten, was ihnen widerfahren sei[17].

Die Anzahl der Opfer des Massakers, die in der palästinensischen, aber auch in der internationalen Literatur fast ausnahmslos auf 240 bis 250 beziffert wird, ist inzwischen von zwei palästinensischen Autoren in Frage gestellt worden. Im Jahr 1987 wurde im Rahmen einer von der Bir Zeit Universität herausgegebenen Monographieserie zu zerstörten palästinensischen Dörfern ein Band zu Dair Yasin veröffentlicht.[18] Diese Studie basiert auf Interviews mit Überlebenden, die selbst eine geringere Zahl von 110 Opfern angaben. Einige Jahre später hat der palästinensische Historiker Walid Khalidi in seinem arabischsprachigen Buch zu Dair Yasin, ebenfalls basierend auf Interviews mit Überlebenden, darunter mit den Notabeln des Dorfes, die Zahl der Opfer auf 100 beziffert. Für Khalidi steht fest, dass die Überlebenden des Dorfes selbst am besten die „wahre“ Zahl kennen müssen, und diskutiert die Frage, wer die höhere und seiner Auffassung nach falsche Zahl in Umlauf gebracht habe und welche Motivationen dabei zugrunde lagen:

Nach Khalidis Interpretation haben „Irgun“ und „Lehi“ selbst die Zahl von 245 Toten in Umlauf gebracht, als sie am Abend des Massakers eine Pressekonferenz einberiefen, um ihren „militärischen Sieg“ kundzutun. Die von ihnen bewusst übertriebene Zahl sei sowohl von jüdischen als auch von britischen, palästinensischen und arabischen Quellen übernommen und noch am selbigen Abend von der BBC in alle Welt verbreitet worden. Für die „übertriebene Vergrößerung“ der Opferzahlen lagen Khalidi zufolge zwei Motivationen zugrunde: Erstens strebten „Lehi“ und „Irgun“ Anerkennung und Einfluss in der jüdischen Gemeinschaft in Palästina an und wollten ihre Bedeutung gegenüber der mächtigeren „Hagana“[19] behaupten. Zweitens bezweckten sie damit die gezielte Einschüchterung und Abschreckung der palästinensischen Bevölkerung. Auf palästinensischer Seite wurde Khalidis zufolge der große Fehler begangen, die Darstellung der Täter und Angreifer zu übernehmen. Bezüglich der Implikationen, die eine beträchtlich kleinere Zahl an Opfern für die Symbolkraft Dair Yasins haben könnten, unterstreicht der Autor, dass nicht die Anzahl der Toten maßgeblich sei – so wie es beim symbolträchtigen „Bloody Sunday“ in Nordirland auch nicht um die Anzahl der Toten gehe, die im übrigen sehr viel geringer gewesen sei als die der Opfer in Dair Yasin[20].

1.3. Flucht und Vertreibung

Angst und Verunsicherung wegen des Kriegszustands und die Flucht eines erheblichen Teils der palästinensischen Bevölkerung aus ihrer Heimat nehmen neben dem Massaker von Dair Yasin einen breiten Raum in den palästinensischen Darstellungen zur „Nakba“ ein. Nicht nur die Ursachen der Flucht, sondern auch der Vorgang selbst werden thematisiert.

Zur Beschreibung des Aufbruchs zur Flucht, der sich gemäß den Berichten von Fall zu Fall sehr unterschiedlich gestaltete, gehört das Motiv, demzufolge die Flüchtenden fest davon überzeugt waren, die Flucht sei nur vorübergehend. Sie hofften, die arabischen Armeen würden siegen und sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren. Daher nahmen sie – sofern es ihnen überhaupt möglich war – nur wenige Dinge mit[21]. Die palästinensische Autorin Ghada Karmi weist auf den Verlust immaterieller Werte wie Familienfotos, Erinnerungsstücke etc. hin und spricht davon, dass ihre Familie ihre gesamte Geschichte zurückgelassen hat, während ein anderer Autor, Khalil as-Sakakini, den Verlust seiner für ihn unersetzlichen Bibliothek bitter beklagt. Im Exil in Ägypten fragt er sich, was in der Zwischenzeit mit seinen Büchern geschehen ist: Wickeln die Gemüsehändler ihre Zwiebeln in das Buchpapier ein[22]? Fotos von Menschen auf der Flucht sind in der palästinensischen Literatur relativ zahlreich. Wenn es sie gibt, zeigen sie Menschen mit ihren Habseligkeiten auf Karren, Menschenmengen auf Booten im Hafen von Jaffa und Lastwagenkonvois voller Flüchtlinge. Es mag nicht verwundern, dass als das häufigste Bild-Motiv in der von mir eingesehenen palästinensischen Literatur ein schwarz-weißes Foto ist, das ein Flüchtlingslager, Zufluchtsort vieler palästinensischen Flüchtlinge, darstellt. Diese Art Flüchtlingslager scheint für viele palästinensische Autoren die Nakba zu symbolisieren [23].

Aufschlussreich sind die vom Willy-Brandt-Zentrum in Jerusalem durchgeführten Seminare „Entscheidung für Geschichte“ mit palästinensischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen (aus Gaza, Nazareth, Ramallah, Ost-Jerusalem), deren Geschichtsbild von der „Nakba“ eine enge Verknüpfung von „Nakba“ und Flüchtlingslager zu bestätigen scheint. Im Frühling 2002 hatte ich die Gelegenheit, eines dieser Seminare mitzuverfolgen. Die Teilnehmer werden dazu aufgefordert, sich zum Zweck der Beschreibung der letzten hundert Jahre für 15 Bilder assoziativ und aus der Erinnerung heraus im Konsens zu entscheiden. Betrachtet man die Ergebnisse, so ist zu beobachten, dass sich fast alle palästinensischen Gruppen unabhängig voneinander darauf einigten, die „Nakba“ mit dem Bild eines Flüchtlingslagers zu dokumentieren. Angesichts dieser Einmütigkeit stellt sich die unmittelbare Frage, welche Bilder in palästinensischen Medien und Schulbüchern in Bezug auf die „Nakba“ vermittelt werden. Die Seminare des Willy-Brandt-Zentrums werden auch mit israelischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt: Sie wählen für das Jahr 1948 zumeist die Proklamation Israels und als Sinnbild dafür die israelische Fahne. Die Ergebnisse dieser Seminare sind im Internet einsehbar[24].

Das was 1948 in Palästina geschehen ist, vergleicht der palästinensische Autor Fawaz Turki mit einer griechischen Tragödie und an anderer Stelle mit einer zerplatzenden Blase („bubble“), während Jamil Toubbeh eine andere Metapher findet: Für ihn ist das Vorgefallene mit einer Vergewaltigung zu vergleichen. Ghada Karmi berichtet, dass für ihre Mutter im April 1948 (dem Zeitpunkt ihrer Flucht aus Jerusalem) die Zeit abrupt stehen geblieben sei. Arif al-Arif schließlich bemerkt, die „Nakba“ der Palästinenser überschreite das Beschreibbare, und gibt so seiner Sprachlosigkeit Ausdruck[25]. Dennoch verfasste ausgerechnet er ein sieben Bände umfassendes monumentales Werk zu diesem Thema und bemühte sich darin zu vermitteln, was und warum es passierte.

2. Warum ist es geschehen?

Die Frage danach, warum die palästinensische Gesellschaft von einer derartigen Katastrophe getroffen werden konnte, ist für viele Palästinenser grundlegend, entsprechend zahlreich sind die vorgebrachten Erklärungsversuche. Auf der Suche nach den Ursachen werden einerseits externe Faktoren bemüht, welche die „Nakba“ auf äußere Entwicklungen sowie auf fremdes Zutun zurückführen und den Palästinensern keine Rolle beim Zustandekommen der Katastrophe und kein Selbstverschulden beimessen. Andererseits werden interne Faktoren angeführt, das heißt Erklärungen, welche die „Nakba“ als Resultat der eigenen strukturellen Schwäche, hausgemachter Fehler und Versäumnisse betrachten. Eng verbunden mit dem Bestreben, Gründe für die „Nakba“ zu finden, ist die Suche nach den Verantwortlichen, die wiederum oft mit Kritik und Vorwürfen, zuweilen mit Schuldzuweisungen einhergeht.

Als externe Gründe für die Katastrophe werden folgende Argumente genannt: eine internationale Verschwörung gegen Palästina, die sich in der breiten Zustimmung zum UNO-Teilungsplan offenbart habe[26]. Ein häufiges Motiv ist auch der Hinweis darauf, dass die jüdische Gemeinschaft in Palästina („Yishuv“) und nach seiner Gründung Israel „vom Westen“ auf allen Gebieten massiv unterstützt worden sei. Ferner gilt die aktiv-negative Rolle der als parteiisch beurteilten britischen Mandatsmacht als wesentliches Element beim Zustandekommen der Katastrophe. So betonen viele Autoren, dass die Briten mit der 1917 veröffentlichten Balfour-Erklärung und dem damit verbundenen britischen Versprechen, eine „nationale Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen zu betrachten, den Grundstein für die „Nakba“ legten[27]. Schließlich wird das Zurückgreifen jüdischer Einheiten auf unmenschliche Methoden (so zum Beispiel in Dair Yasin) als ausschlaggebend betrachtet.

Auf der anderen Seite werden folgende interne, also „hausgemachte“ Gründe aufgeführt: a) diplomatische, politische und militärische Fehlurteile der arabischen Staatsoberhäupter und ihrer Armeen; b) Versäumnisse der palästinensischen Führung und c) die Anfälligkeit der im sozioökonomischen Wandel begriffene, von Gegensätzen geprägten palästinensischen Gesellschaft ohne Führung und ohne stabile Institutionen[28].

Bezüglich der arabischen Staatsoberhäupter und ihrer Armeen sind folgende Kritikpunkte zu lesen: fehlende Einheit innerhalb der Arabischen Liga, Konzentration der arabischen Staaten auf eigene, auch hegemoniale Interessen, ein verspätetes Eingreifen in Palästina, mangelnde Vorbereitung, insbesondere bei der militärischen Ausrüstung, mangelnde Ernsthaftigkeit und schließlich das Fehlen einer gemeinsamen Strategie auf dem Schlachtfeld und das Fehlverhalten einzelner arabischer Kontingente gegenüber der lokalen palästinensischen Bevölkerung[29].

Einen – meines Erachtens bezeichnenden – Aspekt will ich vertiefen: Auf militärischem Gebiet ist es in der von mir eingesehenen palästinensischen Literatur üblich, ein gravierendes Ungleichgewicht bezüglich Ausrüstung und Truppenstärke zwischen der palästinensisch-arabischen Seite einerseits und der überlegenen jüdischen Seite andererseits anzuzeigen. Um dieses Ungleichgewicht zu belegen, werden Zahlen gegenübergestellt und Statistiken bemüht, wonach die arabische Seite über weit weniger Waffen, eine geringere Truppenstärke und über geringere Finanzen verfügt habe als die jüdische Seite[30].

Auf der Grundlage von Archivmaterial haben einige der „neuen“ Historiker in Israel – darunter Simcha Flapan – die Darstellung als Mythos der israelischen Geschichtsschreibung bezeichnet, demzufolge der tapfere Held David (der Yishuv) gegen den überlegenen Riesen Goliath (die arabischen Staaten) zu kämpfen hatte.[31] Die israelische Geschichtsschreibung und die Infragestellung von Mythen durch die „neuen“ Historiker in Israel sind zwar nicht Gegenstand meines Vortrags, doch stellt sich die Frage, ob man in der palästinensischen Geschichtsschreibung von einem umgekehrten Mythos sprechen könnte. Repräsentieren in der palästinensischen Geschichtsschreibung die Araber den kleinen David, der gegen den überlegenen Riesen Goliath tapfer, allerdings erfolglos kämpfte? Gudrun Krämer schreibt diesbezüglich, dass in Palästina allenfalls David (der „Yishuv“) gegen andere Davids (die arabischen Staaten) kämpfte[32].

3. Weshalb haben die Palästinenser ihr Land verlassen?

Zahlreich sind die Bemühungen, das schwer fassbare Phänomen der „Flüchtlingsproblematik“ oder „Flüchtlingsfrage“ begreifbar zu machen, dass 700.000 bis 760.000 Palästinenser und damit gut die Hälfte der Palästinenser im Mandatsgebiet Palästina die Flucht ergriffen oder vertrieben wurden. Die Eindringlichkeit, mit der palästinensische Autoren die Frage nach den Ursachen stellen, ist vermutlich dadurch zu erklären, dass das „Flüchtlingsproblem“ als nicht abgeschlossen erachtet wird, da es nach wie vor ungelöst ist. Häufig verknüpft mit der Frage nach den Verantwortlichen oder Schuldigen und der Forderung nach einem Rückkehrrecht, stellt die Flüchtlingsfrage eine politisch brisante Thematik im palästinensisch-israelischen Konflikt dar. Abseits davon jedoch ist die Klärung für palästinensische Autoren vermutlich deshalb so wesentlich, da die Ursachen kontrovers sind. Offensichtlich wollen sich viele palästinensische Autoren von einer als falsch empfundenen Version abgrenzen und den eigenen Standpunkt begründen.

Folgende Gründe lassen sich aus Werken und Artikeln palästinensischer Autoren herausfiltern: Zum einen besteht Konsens darüber, dass die Palästinenser mehrheitlich vertrieben wurden und nicht „freiwillig“ flüchteten. Diesbezüglich findet eine deutliche Abgrenzung von der als „offizieller israelischer Standpunkt“ bezeichneten Behauptung statt, die arabischen Führer selbst hätten die Palästinenser dazu aufgerufen, das Land zu verlassen[33]. Als Gegenargument dienen die auf der systematischen Untersuchung von Presse- und Radiomaterial aus der betreffenden Zeit basierenden Artikel von Erskine Childers „The Other Exodus” und Walid Khalidi „Why Did the Palestinians Leave[34]?“

Zum anderen wird auf die diversen Vertreibungsmethoden des jüdischen Gegners hingewiesen, darunter psychologische Kriegführung und gezielt verübte Massaker. Ihnen lagen jedoch nach Auffassung einiger Autoren keine militärisch-strategische Erwägungen allein zugrunde, sondern ein lange zuvor konzipierter und in der zionistischen Ideologie verwurzelter Plan, die Bevölkerungsverhältnisse in Palästina drastisch hin zu einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit zu verändern. Zionistische Pläne, die palästinensische Bevölkerung in andere Länder zu „transferieren“, seien 1948 in eine Strategie der Vertreibung umgesetzt worden, so die Vorstellung des palästinensischen Politologen Nur Masalhas[35]. Als Beleg dafür dienen a) belegte und nicht belegte Zitate führender Zionisten (so z.B. der Satz: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“) und b) die im April bis Mai 1948 verwirklichte Strategie der „Hagana“ namens „Plan D“ („Tochnit Dalet“)[36]. Die Frage der zugrunde liegenden Intention bei der Vertreibung ist jedoch umstritten. Während Issa Khalaf die Schlussfolgerung von Benny Morris übernimmt, die Flucht sei vorwiegend ein Resultat der Kriegsumstände[37], grenzen sich Masalha und andere palästinensische Autoren dezidiert davon ab, ebenso wie von der Vorstellung, die palästinensischen Flüchtlingsströme könnten die Führung des „Yishuv“ überrascht haben.

4. Fazit

Zum Abschluss möchte ich auf einige Kennzeichen der palästinensische Geschichtsschreibung und Erinnerungsliteratur zum Jahr 1948 eingehen:

„Tunnelblick“

Erkennbar ist, dass nicht versucht wird, die Perspektive der Gegnerseite („der Juden“, „der Zionisten“ oder „der Israelis“) zu ergründen und zu präsentieren. Ausführungen zum Zionismus sind hauptsächlich von einem selektiven Umgang mit einigen wenigen Zitaten geprägt und nicht von einer profunden Auseinandersetzung. Die Geschichte der Juden in Palästina, aber auch ihre Positionen und Strategien in den palästinensisch-jüdischen Auseinandersetzungen bzw. im arabisch-israelischen Krieg werden erstens nicht differenziert gesehen und zweitens nur mit Blick auf das Leid thematisiert, das den Palästinensern zugefügt wurde.

Deutlich ist, dass die Geschichte des Jahres 1948 als palästinensische Geschichte dargestellt wird, nicht als gemeinsame Geschichte von Palästinensern und Juden. Der Historiker Beshara Doumani hat mit Bezug auf die Geschichtsschreibung zum Osmanischen Reich von einem „Tunnelblick“ (tunnel vision) gesprochen[38]. Wie es scheint, ist dieser Begriff auch für die Historiographie zur „Nakba“ zutreffend. Dieser „Tunnelblick“ kennzeichnet allerdings nicht nur die palästinensischen Historiographie, sondern ist auch in der israelischen Historiographie festzustellen. Diese die jeweils andere Seite ausschließende Sichtweise wird seit neustem von einigen palästinensischen Intellektuellen (Issam Nassar, Yezid Sayigh und des vor kurzem verstorbenen Edward Said) kritisch bewertet. Sie fordern, dass Palästinenser und Israelis ihre Geschichte als gemeinsame Geschichte begreifen[39].

Beweisführung

Betrachtet man die Darstellungen palästinensischer Autoren im Hinblick auf die Essenz ihrer Aussagen zur „Nakba“, so wird deutlich, dass es im Kern um Beweisführung, um Recht oder Unrecht, um Schuld und Verantwortung geht. Deutlich ist das Bestreben, den Nachweis historischer Berechtigung und legitimer Ansprüche auf das Land zu erbringen, aus dem 1948 Hunderttausende Palästinenser flüchten mussten und in das sie nicht zurückkehren dürfen. Es gilt ganz offensichtlich zu beweisen, dass der arabischen Bevölkerung Palästinas in hohem Maße Unrecht zugefügt wurde und dass ihr Leid internationale Anerkennung verdient. Es ist, als würden die Autoren für ein (vorerst fiktives) Gerichtsverfahren Zeugenaussagen machen und Material für eine Anklage sammeln.

In diesem fiktiven Gerichtsverfahren, um bei dem Bild zu bleiben, sehen palästinensischen Autoren die Palästinenser eindeutig als Opfer. Dies geht aus ihren Beschreibungen der „Nakba“ klar hervor, in denen der ungerechte UNO-Teilungsplan, die parteiische Politik der britischen Mandatsmacht, das unbarmherzige Vorgehen des Gegners, das unmenschliche Massaker in Dair Yasin und die gewaltsame Vertreibung eines großen Teils der palästinensischen Bevölkerung zentrale Themen sind. Diese Selbstsicht als Opfer bedeutet bei vielen Autoren, dass die Palästinenser keinerlei aktive Rolle in der „Nakba“ spielten. Andererseits gibt es Autoren, so z.B. Rashid Khalidi und Issa Khalaf, die zwar nicht die Anklagebank verlassen, aber durchaus ein Selbstverschulden einräumen. Sie begreifen die palästinensische Führung und Bevölkerung auch als Akteure, die eine Verantwortung für ihr Handeln oder unterlassenes Handeln tragen. Allerdings würde keiner der ausgewählten Autoren so weit gehen, den Palästinensern die Hauptverantwortung für ihr eigenes Leid zuzuweisen: Die Palästinenser sind aus ihrer Sicht eindeutig nicht die Verursacher ihres eigenen Leides.

Die Auseinandersetzung mit den „neuen“ Historikern in Israel

Schließlich noch eine Beobachtung: Es geht um die Auseinandersetzung palästinensischer Autoren mit den „neuen“ oder „revisionistischen“ Historikern in Israel (u.a. Simcha Flapan, Benny Morris, Ilan Pappe, Tom Segev, Avi Shlaim). Diese „neuen“ Historiker haben seit den ausgehenden 1980er Jahren auf der Grundlage von israelischem Archivmaterial die offizielle israelische Darstellung bezüglich des Jahres 1948 grundlegend hinterfragt[40]. Ich gehe davon aus, dass die Auseinandersetzung palästinensischer Autoren mit den „neuen“ Historikern in Israel der palästinensischen Geschichtsschreibung neue Impulse gegeben hat und auch den Ruf nach einem palästinensischen Pendant zu den „neuen“ israelischen Historikern laut werden ließ.

Dass der palästinensische Autor Musa Alami im Jahr 1949, unmittelbar nach der „Nakba“, auf weit weniger Literatur zum Thema zurückgreifen konnte, als dies für Sharif Kanaana im Jahr 2000 möglich war, ist offensichtlich. Doch hinsichtlich der herangezogenen Quellen ist eine bedeutende Konstante und zugleich ein wesentlicher Unterschied festzustellen: Beide Autoren konnten nicht auf die Archive der am Krieg beteiligten arabischen Staaten und auf die palästinensischen Akten zurückgreifen; sie sind für die Jahre 1947 bis 1949 nach wie vor geschlossen. Worauf sich aber Kanaana im Gegensatz zu Alami zumindest theoretisch hätte stützen können, sind die seit den 1980er Jahren geöffneten Akten und Archive in Israel. Für die palästinensische Historiographie hat sich durch die Öffnung der israelischen Archive eine wichtige Veränderung ergeben, denn sie ermöglichten eine „neue“ israelische Geschichtsdeutung, welche die palästinensische Version der „Nakba“ zumindest teilweise bestätigt. Offensichtlich ist, dass sich palästinensische Autoren in ihren Beiträgen neueren Datums vielfach auf die Bücher der „neuen“ israelischen Historiker stützen – dies bedeutet aber nicht, dass sie zwangsläufig unkritisch übernommen würden. Eine kritische Bewertung erfährt insbesondere Benny Morris’ Buch “The Birth of The Palestinian Refugee Problem”, die sich v.a. auf Morris’ Schlussfolgerung bezieht, die Flucht der Palästinenser sei eine Folge der Kriegsumstände gewesen.

Dennoch hat Salih Abd al-Jawwad von einer „große Annäherung“ der palästinensischen und der „neuen“ israelischen Geschichtsschreibung hinsichtlich des entscheidenden Jahres 1948 gesprochen[41], eine Annäherung, die auch real in eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern beider Seiten mündete. Seit 1998 trifft sich eine Gruppe palästinensischer Wissenschaftler und israelischer „neuer“ Historiker, um sich über diverse Fragestellungen auszutauschen. Das Ziel dieser Gruppe ist es Ilan Pappe zufolge, Brücken zu schlagen, d.h. einen „bridging narrative“ hervorzubringen[42]. Doch auf absehbare Zeit bleiben die Arbeitsbedingungen ungleich. Das gilt für die Verfügung über Materialien, für die wissenschaftlichen Einrichtungen und für die politische Asymmetrie zwischen beiden Seiten. Ein wesentlicher Aspekt scheint das vorherrschende Gegenwartsbewusstsein zu sein, das die Wahrnehmung der Vergangenheit prägt und beeinflusst. Die Aussage Issam Nassars, die Nakba sei für die Palästinenser noch nicht abgeschlossen[43], ist entsprechend vor dem Hintergrund des nach wie vor andauernden heftigen israelisch-palästinensische Konflikts und der seit über 50 Jahren ungelösten Flüchtlingsfrage zu verstehen. Vielleicht ist es, wie die an der palästinensischen Bir Zeit-Universität lehrende deutsche Politologin Helga Baumgarten annimmt, daher noch zu früh, eine revisionistische palästinensische Historiographie zu erwarten[44]. Dagegen ist in der modernen palästinensischen Literatur und Dichtung eine sprachlich sehr aussagekräftige und kritische Auseinandersetzung mit der „Katastrophe“ der Palästinenser zu beobachten, die sich mit den Namen Emil Habibi, Gassan Kanafani, Anton Shammas und Mahmud Darwish verbindet, um nur die prominentesten Namen zu nennen[45].

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Martin Buber, der einmal sagte: „Das Prinzip des Dialogs beruht auf der Erkenntnis, dass auch der Andere, der uns gegenübersteht und unser Leben berührt, eine Geschichte zu erzählen hat, die vielleicht nicht weniger ergreifend und sicher nicht weniger wirklich ist als die unsere[46].“

[1] Die Islamwissenschaftlerin Samira Mazouz-Eikenberg hielt diesen Vortrag am 14.10.2003 im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München“. Aus Platzgründen wird er leicht gekürzt abgedruckt.

[2] Die genaue Zahl der Flüchtlinge ist umstritten und basiert auf Schätzungen. Zahlen rangieren von 500.000 bis 800.000 Flüchtlingen, wobei zumeist eine Zahl zwischen 700.000 und 760.000 genannt wird. Zur Diskussion um Flüchtlingszahlen siehe u.a. Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem. Cambridge u.a. 1987, S. 297-298; Walid Khalidi: All That Remains. The Palestinian Villages Occupied and Depopulated by Israel in 1948. Washington 1992, S. 581-582, und Janet L. Abu-Lughod: The Demographic Transformation of Palestine”, in: Ibrahim Abu-Lughod (ed.): The Transformation of Palestine. Essays on the Origin and Development of the Arab-Israeli Conflict. Evanston 1971, S. 139-163.

[3] Siehe dazu Helga Baumgarten: Palästina: Befreiung in den Staat. Frankfurt a.M., 1991, S. 48 f.

[4] Vgl. ebd., S. 28-29.

[5] Vgl. Maurus Reinkowski: Filastin, Filistin und Eretz Israel. Die späte osmanische Herrschaft über Palästina in der arabischen, türkischen und israelischen Historiographie. Berlin 1995, S. 9.

[6] Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel. München 2002.

[7] Elias Sanbar: Palestine 1948. L’ expulsion. Washington, 1984, S. 183-184; Rashid Khalidi: The Palestinians and 1948: the underlying causes of failure”, in: Eugene L. Rogan / Avi Shlaim (eds.): The War for Palestine. Rewriting the History of 1948. Cambridge, 2001, S. 12-36; Sami Hadawi: Bitter Harvest. Palestine between 1914-1967. New York 1967, S. 103; Musa Alami: The Lesson of Palestine, in: The Middle East Journal 3, 1949, S. 374.

[8] Nafiz Nazzal: The Palestinian Exodus from Galilee 1948. Beirut 1978, S. 8; Sharif Kanaana: Still on Vacation! The Eviction of the Palestinians in 1948. Jerusalem, 2000, S. 46; Walid Khalidi: Revisiting the UNGA Partition Resolution”, in: Journal of Palestine Studies 27, 1997, S. 11-13, und ders.: Before Their Diaspora. A Photographic History of The Palestinians 1876-1948. Washington 1984, S. 305.

[9] Vgl. Fawaz Turki: The Disinherited. New York, London 1972, S. 18, W. Khalidi: Revisiting the UNGA Partition Resolution, S. 5 und 15; ders.: Before Their Diaspora, S. 305; Reja-e Busailah: The Fall of Lydda, 1948: Impressions and Reminiscences, in: Arab Studies Quarterly 3, 1981, S. 124.

[10] W. Khalidi: Revisiting the UNGA Partition Resolution, S. 9 und 15-16. Ganz ähnlich argumentieren Issa Khalaf: Politics in Palestine. Arab Factionalism and Social Disintegration 1939-1948. New York 1991, S. 245 und S. Hadawi, a.a.O., S. 95.

[11] Vgl. G. Krämer, a.a.O.

[12] So insbesondere Arif al-Arif: an-Nakba. Nakbat bait al-maqdis wa-`l-firdaus al-mafqud. 7 Bde., Sidon, 1956-1962, Band I, S. 156-169, und Band VII, 3. Kapitel.

[13] Elias Shoufani: The Fall of a Village”, in: Journal of Palestine Studies 1, 1972, S. 108-121; R. Busailah, a.a.O.; Nafiz Nazzal: The Zionist Occupation of Western Galilee, 1948, in: Journal of Palestine Studies 3, 1974, S. 58-76 und ders.: The Palestinian Exodus.

[14] Vgl. W. Khalidi: Before Their Diaspora, S. 324-325 und 328-329. In ganz ähnlicher Weise geht auch Arif al-Arif vor, der „arabische Kämpfer“ „jüdischen Terroristen“ gegenüberstellt: a.a.O., Band I, S. 113-114, 131-132 und 187-188, Band VII, S. 140-144, 155 und 157.

[15] „Lehi“ ist das Akronym für „Kämpfer für die Freiheit Israels“. Untergrundorganisation unter Führung von Abraham Stern seit Sommer 1940. „Irgun“ ist das Akronym für „Nationale Militärorganisation“ seit 1931, die ideologisch den Revisionisten unter Führung von Vladimir (Zeev) Jabotinsky (1880-1940) nahestand.

[16] W. Khalidi hat Dair Yasin eine eigene Studie gewidmet: Dair Yasin al-Jumaa, 9.4.1948. Beirut, 1999. Ein wichtiges Sujet ist Dair Yasin außerdem bei Bayan al-Hut: al-Qiyadat wa-l-muassasat as-siyasiya fi filastin, 1917-1948. Beirut 1981, S. 625-626; Izzat Muhammad Darwaza: al-Qadiya al-filastiniya fi mukhtalif marahiliha. Band II, Beirut 1984 [1. Auflage 1959], S. 129-131; Arif al-Arif, a.a.O., Band I, S. 169-176; Sanbar, a.a.O., S. 167-176; Kanaana: Still on Vacation, 6. Kapitel. Siehe ferner Turki:a.a.O., S. 20; Jamil Toubbeh: Day of the Long Night. A Palestinian Refugee Remembers the Nakba. Jefferson 1998, S. 46; Hadawi, a.a.O., S. 104-105.

[17] Vgl. W. Khalidi: Dair Yasin, S. 87-88 und S. 98; Kanaana: Still on Vacation, S. 164-165; B. al-Hut, a.a.O., S. 625-626; Darwaza, a.a.O., Band II, S. 129-131; Arif al-Arif, a.a.O., Band I, S. 169-176; Sanbar, a.a.O., S. 167-176.

[18] Sharif Kanaana und Nihad Zaytawi: Dair Yasin. Bir Zeit, Markaz al-Wata`iq wa-`l-Abhat, 1987.

[19] „Verteidigung“. Die Organisation wurde nach Staatsgründung zur israelischen Armee.

[20] W. Khalidi: Dair Yasin, S. 93-94 und 123-128.

[21] Vgl. Busailah, a.a.O., S. 139; Nazzal: The Palestinian Exodus, S. 45; Sanbar, a.a.O., S. 200; Toubbeh, a.a.O., S. 25.

[22] Ghada Karmi: The 1948 Exodus: A Family Story, in: Journal of Palestine Studies 23, 1994, S. 35-36; Khalil as-Sakakini: Kada ana ya dunya. Yaumiyat Khalil as-Sakakini, herausgegeben von Hala as-Sakakini. Jerusalem 1955, S. 393-394.

[23] Siehe u.a. W. Khalidi: Before Their Diaspora, S. 344; Kanaana: Still on Vacation, Einband, S. 199, 200; Darwaza, a.a.O., Band II, S. 201, 280; al-Arif, a.a.O., Band VII, S. 440, 445; Yazid Sayigh: Reflections on al-Nakba, in: Journal of Palestine Studies 28, 1998, S. 19.

[24] Vgl. www.wbz-net.org.

[25] Vgl. Turki, a.a.O., S. 20 bzw. 43; Toubbeh, a.a.O., S.48; Karmi, a.a.O., S. 38; al-Arif, a.a.O., Band IV, S. 929.

[26] B. al-Hut, a.a.O., S. 637. Toubbeh, a.a.O., S. 5, spricht nicht nur von Verschwörung, sondern von einer „kollektiven internationalen Unmoral“ (collective international immorality).

[27] Siehe dazu u.a. Alami, a.a.O., S. 373-374, Arif al-Arif, a.a.O., Band IV, S. 862 und Band V, S. 1082 und Kanaana: Still on Vacation, S. 61-62.

[28] Zu Punkt a) s.u.; zu b) siehe al-Arif, a.a.O., Band I, S. 179, und Band III, S. 665; al-Hut, a.a.O., S. 638, und R. Khalidi, a.a.O., S. 24, S. 29; Alami, a.a.O., S. 383; Khalaf, a.a.O., Kapitel 2 und 3; Nazzal: The Palestinian Exodus, S. 109. Zu Punkt c) siehe insbesondere Khalaf, a.a.O., S. 231 und 239f.

[29] Siehe dazu u.a. Alami, a.a.O., S. 385; B. al-Hut, a.a.O., S. 638 und 639; W. Khalidi: Before Their Diaspora, S. 313 und 240; Khalaf, a.a.O., S. 243-244; al-Arif, a.a.O., Band I, S. 177; Sanbar, a.a.O., S. 156; Nazzal: The Palestinian Exodus, S. 77; Busailah, a.a.O., S. 128 und 148.

[30] Siehe Nazzal: The Palestinian Exodus, S. 15; Sanbar, a.a.O., S. 149-153, 166 und 195-196; B. al-Hut, a.a.O., S. 639; Alami, a.a.O., S. 376-377; Khalaf, a.a.O., S. 205-210 und al-Arif, a.a.O., Band IV, S. 786.

[31] Vgl. Simcha Flapan: Die Geburt Israels. Mythos und Wirklichkeit. Aus dem Amerikanischen von Karl Heinz Siber. München, 1988 [Original engl. 1987], S. 283-300. Auch palästinensische Autoren setzten sich mit der als falsch empfundenen israelischen Version auseinander, so z.B. Sanbar, a.a.O., S. 184; Salih Abd al-Jawad: “al-Mu’arrihun al-judud: khutwa istikmaliya li-`l-mashru´ as-sihyauni am khutwa ula bi-`ttijah taswiyat as-siraa?”, in: as-Siyasa al-filastiniya 7, 2000, S. 93-94 und Rashid Khalidi: a.a.O., S. 15.

[32] Krämer, a.a.O., S. 369.

[33] Siehe Walid Khalidi: Why did the Palestinians leave? An Examination of the Zionist Versions of the Exodus of ´48. In: Middle East Forum, 35, 1959, S. 21; Salih Abd al-Jawad, a.a.O., S. 93; Turki, a.a.O., S. 21; Khalaf, a.a.O., S. 213; Sanbar, a.a.O., S. 195; Hadawi, a.a.O., S. 111; Kanaana: Still on Vacation, S. 36-37; Nur Masalha: Expulsion of the Palestinians. The Concept of „Transfer“ in Zionist Political Thought 1882-1948, Washington 1999 [1. Auflage 1992], S. 207; Nazzal: The Palestinian Exodus, S. 102.

[34] Erskine Childers: The Other Exodus, in: Walid Khalidi (ed.): From Haven to Conquest. Readings in Zionism and the Palestine Problem until 1948. Beirut 1971, S. 795-803. Walid Khalidi: Why did the Palestinians leave?, S. 21-24 und 35.

[35] Nur Masalha: a.a.O.

[36] W. Khalidi hat “Plan D” einen Artikel gewidmet: Plan Dalet: Master Plan for the Conquest of Palestine, in: Journal of Palestine Studies 18, 1988, S. 4-70. Siehe auch Sanbar, a.a.O., S. 164; Masalha, a.a.O., S. 177-178 und 185; Kanaana: Still on Vacation, S. 73, 135-136 und Khalaf, a.a.O. (1991), S. 212, 214, 215, 229, 247, der allerdings eine etwas andere Beurteilung des Plans vornimmt (s.u.).

[37] Khalaf, a.a.O., S. 214.

[38] Beshara Doumani: Rediscovering Ottoman Palestine. Writing Palestinians into History”, in: Journal of Palestine Studies 21, 1992, S. 22.

[39] Edward Said: Afterword: the consequences of 1948, in: Rogan, Eugene L./Shlaim, Avi (eds..): The War for Palestine. Rewriting the History of 1948. Cambridge 2001, S. 218; Issam Nassar: Reflections on Writing the History of Palestinian Identity, in: Palestine-Israel Journal 9, 2002, S. 27, 28; Yezid Sayigh: Reflections on al-Nakba, in: Journal of Palestine Studies 28, 1998, S. 21.

[40] Flapan, a.a.O.; Morris: a.a.O.; Ilan Pappe: The Making of the Arab-Israeli Conflict 1947-1951. London, New York 1992; Tom Segev: 1949: The First Israelis. New York, London 1986; Avi Shlaim: Collusion across the Jordan. King Abdullah, the Zionist Movement, and the Partition of Palestine. Oxford 1988. Für mehr Angaben zur Schule der „neuen“ oder „revisionistischen“ Historiker in Israel, die sich nicht nur mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, sondern auch mit anderen Themen (z.B. Zionismus und Shoa) beschäftigen, siehe Gulie N. Arad (ed.): Israeli Historiography Revisited, in: History and Memory 7, 1995 [Sonderausgabe]; Laurence J. Silberstein: The Postzionism Debates. New York und London 1999; Barbara Schäfer: Historikerstreit in Israel. Die „neuen“ Historiker zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Frankfurt a.M. 2000. Die „neuen“ Historiker sind innerhalb Israels umstritten und werden teilweise heftig kritisiert. Für eine kritische Beurteilung siehe u.a. Efraim Karsh: Fabricating Israeli History. The „New Historians“. London 1997.

[41] Salih Abd al-Jawad, a.a.O., S. 96 und Gespräch am 21.03.2002 in Ramallah. Auch Mahdi Abd al-Hadi, Issam Nassar und Salim Tamari signalisierten ihre insgesamt positive Einstellung gegenüber den „neuen“ israelischen Historikern (Gespräche am 07.03.2002 in Jerusalem, am 21.03.2002, bzw. am 27.03. 2002 in Ramallah).

[42] Ilan Pappe: Gespräch am 10.04.2002 in Haifa; ders.: The Construction of a Bridged Israeli-Palestinian Narrative. Unveröffentlichtes Manuskript, Haifa 2002.

[43] Issam Nassar: Gespräch am 27.03.2002 in Ramallah.

[44] Helga Baumgarten: Gespräch am 25.03.2002 in Jerusalem.

[45] Im Gegensatz zur palästinensischen Historiographie ist die moderne palästinensische Literatur und Dichtung recht gut erforscht. Siehe dazu Salma Khadra Jayyusi (Hrsg.): Anthology of Modern Palestinian Poetry. New York, Oxford, 1992; Birgit Seekamp: Die palästinensische Kurzprosa der Gegenwart. Eine kritische Bestandsaufnahme (Themen, Techniken, Tendenzen). Frankfurt a.M., 1988 und Birgit Embaló / Angelika Neuwirth / Friederike Pannewick: Kulturelle Selbstbehauptung der Palästinenser. Survey der Modernen Palästinensischen Dichtung. Beirut, 2001, mit umfangreicher Bibliographie zum Thema.

[46] Martin Buber: Reden über Erziehung. Heidelberg, 1986, S. 37.