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MUSIKER DER HOFFNUNG

Lobrede auf Daniel Barenboim aus Anlass der Verleihung des Hessischen Friedenspreises 2006 am 1. Februar 2007 in Wiesbaden

von Wolfgang Günter Lerch [1]

Die Situation im Nahen Osten erscheint heute vielen als Paradigma für politische Ausweglosigkeit. Ein unheilvoller Rhythmus von Optimismus und Verzweiflung durchzieht die jüngste Geschichte dieser für die menschliche Kultur, für Religion und Geistesgeschichte so bedeutenden Weltregion, immer wieder unterbrochen von blutigen Gewalttaten und Kriegen, die doch den Konfliktknoten niemals gelöst haben. Zuletzt hatte der Osloer Friedensprozess in aller Welt verständliche Erwartungen und sehnsüchtige Hoffnungen geweckt, bis er, durch die Schuld und das Versagen vieler, ins Stocken geriet, schließlich zum Stillstand kam und in neue Katastrophen mündete – in die zweite Intifada, in den Libanonkrieg des vergangenen Sommers und in den jüngsten palästinensischen Machtkampf, der jetzt an einen regelrechten Bürgerkrieg erinnert. Für Beobachter dieser Ereignisse liegt es nahe, irgendwann in eine Dauerdepression zu verfallen; oder auch, im schlimmsten Fall, zum Zyniker zu werden. Gerade der Journalist, der diese Dialektik von Hoffnung und Verzweiflung immer aufs Neue erfährt, ist gegen solche Versuchungen nicht gefeit.

Zu denen, die sich davon nicht beirren lassen, die nicht in Verzweiflung oder Lethargie verfallen, gehört der Künstler, der heute geehrt wird. Daniel Barenboim, der weltbekannte Musiker, der weltbürgerliche, in Argentinien gebürtige Israeli lässt sich durch die Ungunst der Verhältnisse und den allgemein vorherrschenden Pessimismus nicht entmutigen, sondern setzt Zeichen, wo andere aufgeben. Sein israelisch-palästinensisches Engagement, seine Freundschaft mit dem – im Jahre 2004 leider allzu früh verstorbenen – palästinensischen Gelehrten und politischen Aktivisten Edward Said, sein Musizieren mit dem Westöstlichen Diwan-Orchester, das israelische und arabische Musiker vereint, seine multikulturellen workshops setzen Hoffnungen darauf, dass das weltumspannende Humanum der Kunst, der Musik zumal, ein günstiges Klima schaffen könne für eine politische Annäherung zweier Völker, die politisch in Gegnerschaft, ja Feindschaft verharren. Dieses Engagement Daniel Barenboims ist ein Zeichen, das als ein bewusster Willensakt jener „Genfer Friedensinitiative“ des Jahres 2003 gleicht, die ebenfalls deutlich machen sollte, dass viele Dinge möglich sind, wenn man sie nur will; das heißt: wenn sie von einem Drang zum wechselseitigen Verständnis und von einem ehrlichen Streben nach Empathie, ungeachtet aller Widersprüche und Gegensätze, getragen werden.

Der Mangel daran, an Empathie, ist ja eines der wichtigsten Hindernisse für eine Regelung des Nahost-Konflikts überhaupt: Zu wenige Israelis interessieren sich dafür, was ein Araber ist, und zu wenige Palästinenser sind mit Israel und seinen Menschen vertraut; stattdessen hört man auf die altbekannten Stereotypen, Verschwörungsformeln und Vorurteile – und zwar auf beiden Seiten. Diese Mauer der Unkenntnis und der wechselseitigen Verweigerung will Barenboim mit seinem unkonventionellen Handeln durchstoßen, und zwar sowohl auf intellektuellem wie auf emotionalem Gebiet. Dazu schrieb Edward Said: „Barenboim ist keineswegs in erster Linie ein politischer Mensch, doch hat er nie ein Hehl daraus gemacht, dass er wenig mit Israels Besatzungspolitik anfangen kann. Deshalb war er auch im Frühjahr1999 der erste Israeli, der sich dazu erbot, in der Westbank, an der Bir Zeit-Universität, ein Benefizkonzert zu geben. Ich stimme mit Daniel darin überein, dass Unwissenheit für kein Volk dieser Erde eine geeignete politische Strategie sein kann und jedes Volk auf seine Weise das verbotene „Andere“ kennen und verstehen lernen sollte.“ Zwar stehen diese Worte in einem Aufsatz über das in Israel vorherrschende Wagner-Tabu, doch passen sie wie angegossen auch zur Thematik des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Es scheint mir, dass es ohnehin mehr die Künstler sind als die Denker oder Politiker, die dazu neigen, solche Verfestigungen aufzubrechen und nach Neuland zu suchen, natürlich vor allem auf dem Feld der Kultur. Und unter den Künstlern sind es wahrscheinlich die Dichter und die Musiker, die die größte Neigung dazu haben. Es ist kein Zufall, dass Daniel Barenboims musikalische Vermittlung zwischen jüdischer und muslimischer, israelischer und arabischer Kultur auf dem Felde der Orchestermusik unter dem Stichwort von Goethes „West-östlichem Diwan“ stattfindet, einem Werk, dessen vorauseilende Tiefendimension bis heute möglicherweise noch gar nicht verstanden worden ist. Ich meine jenseits der Formeln kultureller Indifferenz oder eines müden Relativismus. Goethes „Diwan“ hat insgesamt drei Dimensionen: Zunächst ist er Ausdruck einer Liebe, der des Dichters zu Marianne von Willemer. Des Weiteren ist er ein Werk der ausschweifenden und ausgreifenden Phantasie, des poetischen Eskapismus. „Flüchte du, im reinen Osten/Patriarchenluft zu kosten…“

Mit diesen berühmten Versen charakterisiert Goethe, der auch den Begriff „Weltliteratur“ prägte, seine Hegire, seine Hidschra oder Flucht aus dem engen alltäglichen Wirkungskreis Weimars in das Land der Weltkultur. Und drittens ist der „Diwan“ ein Werk der kulturellen Vermittlung und der Empathie gegenüber der morgenländischen, der islamischen Welt: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, schreibt Goethe und ist damit nicht nur seiner Zeit, sondern auch der unsrigen um Generationen voraus. Wir wissen alle, dass gerade heute diese Prophezeiung noch immer nicht wahr geworden ist, dass sich beide Welten in gewisser Weise sogar feindseliger gegenüberstehen als früher. Dass freilich Daniel Barenboim und Edward Said im Jahre 1999 gerade in Goethes Weimar, dem das Konzentrationslager Buchenwald benachbart ist, mit dem „Diwan-Orchester“ einen ersten workshop abhalten konnten, berührt ebenso positiv wie die Enthüllung eines Denkmals in ebendiesem Weimar, das Goethe und seinen orientalischen Geistesverwandten, den persischen Dichter Hafis, vereint.

Nach dem Vorbild Goethes versucht Daniel Barenboim, durch das gemeinsame Musizieren wechselseitige Empathie zu schaffen, die allein irgendwann einmal Grundlage für eine funktionierende, wirklich tragende Friedensregelung zwischen Israelis und Palästinensern sein kann. Im Nachkriegseuropa ist das zwischen Nationen, die sich Jahrhunderte lang bekämpften und bekriegten, immerhin gelungen. Wer Empathie füreinander empfindet, wer sich auf der Ebene des Menschlichen im anderen wieder erkennt, kann sich auch manches Kritische sagen und sagen lassen. „Gerade der Freund darf bittere Wahrheiten sagen“, lautet ein türkisches Sprichwort.

Schon früh haben sich gerade westliche Musiker dem Orient zugewandt. Davon zeugen die Türkenopern des 18. und 19. Jahrhunderts, deren bekannteste Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ ist; dazu Rossini, Peter Cornelius, Meyerbeer und viele andere. Beethoven schuf für seine „Ruinen von Athen“ eine Derwisch-Musik, so wie er sie sich vorstellte. Umgekehrt ist vielen von uns bis heute viel zu wenig bewusst, dass im arabischen Orient oder in der Türkei längst Konservatorien existieren, dass auch Orchester dort jene große symphonische Musik pflegen, die der aktuelle Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk aus Istanbul als eine der großen Errungenschaften der westlichen Kultur bezeichnet hat. Daran knüpft Barenboim an, ungeachtet der Widerstände und Einreden, die das hier und da mit sich bringt. Nicht jedem in Israel, um es zurückhaltend auszudrücken, hat es gefallen, dass das „Diwan-Orchester“ im Jahre 2005 in Ramallah, der provisorischen Hauptstadt der Palästinenser, musizierte, gewissermaßen in der Höhle des Löwen. Doch der Künstler, darauf hat Daniel Barenboim in seinen auch als Buch erschienenen Gesprächen mit Edward Said hingewiesen, hat das Privileg, radikal sein zu können, wo die Politiker ängstlich im Festgefügten und Festgelegten verharren. Der Friede kann weder dekretiert noch von einem auf den anderen Tag festgemacht werden; er ist ein mühsamer Prozess, wie auch die Musik Bewegung und Prozess ist, niemals Stillstand. So jedenfalls fasst der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim jene Kunst auf, der er dient. Als Friedenskunst.

Arthur Schopenhauer, der selbst Flöte spielte, hat in der Musik die reinste aller Künste gesehen. In der Musik, so schrieb er, zeige sich das Wesen der Welt am unmittelbarsten, am wenigsten durch irgendeinen Stoff begrenzt und vermittelt. Daher rühre auch ihre Allgemeinverständlichkeit; wo immer Menschen zusammenkämen, um zu musizieren, spreche sie direkt ihr Inneres an. Wenn das so ist, wenn Schopenhauer mit dieser Definition recht hat, was liegt dann näher, als die Probe aufs Exempel zu machen, wie Daniel Barenboim das tut: das heißt die Sprache der Töne als die wirkliche und einzige Universalsprache der Menschheit einzusetzen? Gewiss: Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Musik. Früher zog man in Europa mit klingendem Spiel in die Schlacht, man blies dem Feinde sozusagen den Marsch. Die osmanischen Janitscharen spielten vor der Schlacht eine Musik, die dem Feind, den Heeren der Christen, Furcht und Schrecken einjagen, sie selbst aber mutiger und wagemutiger machen sollte. Doch solche Musik wollen wir heute nicht mehr hören.

„Von Herzen, möge es wieder zu Herzen gehen“, schrieb Ludwig van Beethoven über seine Missa Solemnis. Beethoven ist ein Komponist, mit dem sich Daniel Barenboim besonders identifiziert. Ein Komponist, der in ganz besonderem Maße einem aufklärerischen Humanismus verpflichtet war, der auch viele Werke von Goethe und Schiller las und vielleicht wie kein zweiter die Möglichkeiten der Musik ausnutzte, zu transzendieren. Ein Dirigent und Pianist wie Daniel Barenboim kann der Arbeit an Beethovens Symphonien und Sonaten vieles abgewinnen, was auch – als grundsätzliche Haltung und Methode - für etwas so Schwieriges wie die Friedensstiftung von Nutzen sein kann. Niemals werde er glauben, dass die pure Notation der Fünften Symphonie schon die Symphonie selbst sei, hat er einmal gesagt. Erst wenn sie erklinge, werde sie Wirklichkeit und sei im eigentlichen Sinne existent. In der Form des Klanges wird sie dann zu einem Prozess.

Solches Denken kann man auf den Friedensprozess im Nahen Osten übertragen: Auch dafür genügt das Aufgeschriebene, sozusagen eine „Notation“ allein, so wichtig sie sein mag, nicht. Als sich ein Scheitern des Oslo-Prozesses abzuzeichnen begann, konnte man hören, diese Friedensvereinbarungen seien eben nur Übereinkünfte von Politikern gewesen; es sei ein Politiker-Friede, keiner der Völker. Diese Beobachtung war zutiefst wahr. Zwar kann auch, wie die Friedensverträge Israels mit Ägypten und Jordanien zeigen, ein bloß abstrakter oder eisiger Friede einen gewissen Wert haben – als Abwesenheit von Krieg. Das ist schon etwas. Doch wissen alle, auf welch schwankendem Boden solche Abstraktionen stehen. Ohne Empathie und menschliches Interesse füreinander wird nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern kein wirklicher Frieden entstehen, sondern erst recht keiner zwischen der „westlichen Welt“ und „dem Islam“, wie man so schön pauschal zu sagen pflegt.

Daniel Barenboims Engagement gründet auf der Sehnsucht nach Frieden, auf der Liebe zu seinem Land und auf der Überzeugung, dass Kultur, die diesen Namen verdient, niemals Nabelschau gewesen ist, sondern ein wechselseitiges Sich-Befruchten und Voneinander-Lernen. Das Westöstliche Diwan-Orchester steht dafür ebenso wie seine Bemühungen, die große Musiktradition auch bei Jugendlichen lebendig zu erhalten. Im maurischen Andalusien, wo einst der Islam herrschte, begegneten sich vor tausend Jahren westliche und östliche Musiktradition. Manches spricht dafür, dass die zur arabischen Laute vorgetragenen Muwashshaha-Liebesgedichte der arabischen Dichter in al-Andalus Pate standen bei der Entstehung der provençalischen Troubadour-Dichtung und -Musik. Diese beeinflusste ihrerseits den mittelalterlichen Minnesang. Daniel Barenboim kann mit seinem kulturübergreifenden Musizieren als ein zeitgenössischer Troubadour angesehen werden; als ein Troubadour der Hoffnung und des Friedens, nicht nur im Nahen Osten, sondern in der ganzen Welt.

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[1] Der Rede wurde am 05.02.2007 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dokumentiert. Wir danken Wolfgang Günter Lerch, dem Nahost-Redakteur der Zeitung, für die Erlaubnis des Wiederabdrucks.