PDF Version

Annapolis
– Eine Nahostkonferenz unter vielen

– Gedanken eines Palästinensers –

von Hakam Abdel-Hadi [1]

Wir stehen wenige Tage vor einer neuen Nahostkonferenz, dieses Mal in Annapolis, unter der Schirmherrschaft der USA. Kurz vor dem Ende seiner zweiten Amtsperiode bemüht sich Präsident Bush, leider sehr verspätet, darum, keinen Scherbenhaufen im ganzen Nahen Osten zu hinterlassen. Er brauchte viel Zeit, um zu begreifen, dass die einzige Supermacht den palästinensisch-israelischen Konflikt nicht ungestraft so viele Jahre weitgehend ausklammern kann. Nun versucht der amerikanische Präsident zu retten, was zu retten ist.

Die Völker der Region misstrauen ihm und seinem israelischen Bündnispartner. Dafür hat die 40-jährige Besatzungsmacht zu viele Fakten geschaffen, die von den USA und der EU toleriert wurden: Mehr als hundert Siedlungen mit umfassender Infrastruktur, eine gewaltige Mauer- und zaunartige Sperranlage, zum großen Teil mitten im palästinensischen Gebiet, Wohnungen für etwa 250.000 israelische Bürger allein in der Umgebung des besetzten Ostjerusalem etc. Das sind Maßnahmen, die mehr oder weniger von allen israelischen Regierungen beschlossen wurden, und es klingt wie Hohn, wenn der derzeitige israelische Präsident, Shimon Peres, vor einiger Zeit „reumütig“ proklamierte, dass es ein Fehler gewesen sei, die Siedlungen in den besetzten Gebieten gebaut zu haben, so als ob er selber nicht daran beteiligt gewesen wäre, und so, als ob sie fast versehentlich in die Landschaft hinein gerutscht wären. Recht hat der israelische Publizist und Friedenskämpfer Uri Avnery, der kürzlich schrieb:

„Der genetische Code der zionistischen Bewegung führt zu einem Kampf mit dem palästinensischen Volk um den Besitz des ganzen historischen Palästina und um die Erweiterung der jüdischen Besiedlung vom Meer bis zum Jordan. Solange dies nicht durch einen nationalen Beschluss abgelöst und ein anderes Ziel akzeptiert wird – durch eine klare, offene und langfristige Entscheidung –, wird es auf dieser Linie weitergehen.“

Das sind klare Worte, und solange sie nicht deutlich von der Knesset und den verantwortlichen israelischen Politikern ausgesprochen werden, müssen die jüdischen und palästinensischen Bewohner dieser Region ihren Traum vom Frieden begraben. Bis dahin werden die „Friedenskonferenzen“ zum Scheitern verurteilt sein, auch wenn sie scheinbar friedensstiftende Botschaften verkünden, wie Siedlungsstopp und die Schaffung eines palästinensischen Staates. Die Palästinenser und mit ihnen die anderen Araber hören wohl diese Botschaften, aber glauben will keiner daran, so naiv ist keiner mehr.

Alle Palästinenser, denen ich begegne, halten die Verlautbarungen um Annapolis für Tricks und stellen mit viel Skepsis dazu eine Reihe von Fragen: Siedlungsstopp, wenn überhaupt, dann für wie lange, vielleicht nur bis zum Ende der Konferenz? Und wenn wir vierzig Jahre auf die Ankündigung des Siedlungsstopps gewartet haben, wie lange wird es dauern, bis diese Siedlungen abgeschafft sind? Ja, und in welchen Grenzen soll der palästinensische Staat errichtet werden, und wie unabhängig wird er sein?

Die Palästinenser werden lange auf den Frieden warten müssen. Das wissen sie ganz genau, und sie haben auch die Kraft und Ausdauer dazu. Was bleibt ihnen anderes übrig? Vor wenigen Tagen berichtete ein Bürger aus Gaza: „Die Grenzen zum Gaza-Streifen sind fast dicht. Nur wenige Produkte gelangen zu uns. Die Versorgungslage ist dramatisch. Wir können keinen Handel mit der Welt treiben, nicht einmal unsere Blumen können wir nach Holland exportieren. Wir dürfen nicht einmal in unseren Gewässern fischen. Wir haben seit Jahrzehnten Reiseverbot. Unser Flughafen ist – sowie fast die übrige Infrastruktur – zerstört. Und dennoch werden wir das alles hundert Jahre aushalten. Wir werden nicht in die Knie gehen.“

Die tragische Auseinandersetzung zwischen Hamas und Al-Fatah zehrt zweifellos an den Kräften der palästinensischen Bevölkerung, aber der Zusammenhalt der Großfamilien und die Auslandsüberweisungen ihrer Mitglieder ermöglichen die Ausdauer ihres Widerstandspotentials gegen die Besatzung. Es stellt sich für die meisten Palästinenser, denen ich während meiner vielen Reisen in die Region begegne, nicht die Frage, ob sie die Okkupation bekämpfen müssen, sondern wie sie diese überstehen. Die bisherige Geschichte zeigt ihnen, dass Selbstmordkommandos und Qassam-Raketen gegen israelische Zivilisten nicht nur moralisch zu verurteilen, sondern auch wirkungslos sind.

Es ist eine extrem schwierige Aufgabe, die richtige Strategie gegen eine mächtige Partei zu entwickeln, die bisher kompromisslos darauf orientiert ist, ganz Palästina exklusiv für sich zu behalten und keinen Bruchteil für die autochthone palästinensische Bevölkerung übrig zu lassen.

Dennoch steht – nach meiner Einschätzung – die dritte Intifada vor der Tür. Für welche Formen werden die Aufständischen sich dieses Mal entscheiden? Das bleibt abzuwarten. Einer meiner Studenten von der Universität Bir Zeit sagte mir vor einigen Monaten: „Die tägliche Erniedrigung vor den Absperrungen kann ich nur aushalten, wenn ich weiß, dass ich mit erhobenem Haupt Widerstand leisten kann.“ Ja, viel können die Menschen von Annapolis nicht erwarten. Keine guten Perspektiven für die jungen Palästinenser und Israelis.

PDF Version

[1] Hakam Abdel-Hadi, gebürtiger Palästinenser (68 J.), ist ein im Kölner Raum lebender Publizist und Dozent an der Universität Bir Zeit in der Westbank.