Antisemitismus und Israel-Kritik –
Bemerkungen aus gegebenem Anlass

Von Reiner Bernstein

1919 verwahrte sich Hitler gegen den Radauantisemitismus, der das bürgerliche Publikum erschrecken könnte. Der rabiate Propagandist nahm sich deshalb vor, mit der NSDAP einen „honorigen“ Weg einzuschlagen. Ihm war klar, dass antijüdische Ressentiments in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet waren und es darauf ankomme, sich ihrer in einer Art zu bedienen, die sich breiter Zustimmung sicher sein konnte, wenn die Zeit gekommen sei. Wenn sich Abneigung und Vorurteil gegen die Juden bislang nicht durchgesetzt hätten, so liege dies an den Regierenden im Kaiserreich, die den praktischen Antisemitismus aus Gründen der politischen Opportunität aus der Tagespolitik fernhielten.

Die Niederlage im Weltkrieg und der Versailler Vertrag sorgten dafür, dass sich die Verblendung stabilisierte. 1933 fiel nur wenigen Deutschen auf, was sich hinter der „nationalen Revolution“ verbarg – die schleichende Eskalation, die in die Massenexekutionen und in die Vernichtungslagern führte. Nur einmal brach sich der Radauantisemitismus Bahn, in der „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938, mit vielen hundert Toten, der endgültigen Zerstörung der jüdischen Lebensgrundlagen und der Schändung der Synagogen. „Es gibt hinlänglich Beweise dafür, dass viele Deutsche im November 1938 Scham empfanden, dass sie erschrocken waren über das, was sie für einen Rückfall in die Barbarei hielten: die öffentlichen Demütigungen, [die] Misshandlung und Beraubung einer längst entrechteten Minderheit, die per Gesetz von Vollbürgern zu Staatsangehörigen minderen Rechts herabgestuft waren“, schrieb Wolfgang Benz im November 1993 in der „Süddeutschen Zeitung“.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends sind offenbar große Teile der deutschen Bevölkerung dabei, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gepflegte Opferrolle zu revitalisieren. Dem, was manchen Beobachtern lange wie der Griff in eine verstaubte Mottenkiste erschien, deren sich das demokratische Deutschland unserer Tage längst entledigt habe, widerspricht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld mit erschreckenden Ergebnisse einer Umfrage. Danach stagniere zwar nach dem Urteil von Wilhelm Heitmeyer und seinem wissenschaftlichen Team das offene antisemitische Vorurteil, der sogenannte klassische Antisemitismus, auf „niedrigem Niveau“ zwischen 17 und 21 Prozent – wenn das kein Grund zum Jubeln ist! –, wobei aber glatt die Hälfte der Bevölkerung die staatsbürgerliche Loyalität der in Deutschland lebenden Juden in Frage stelle. Aber

„[s]ehr nachdenklich stimmt die Tatsache, dass rund 65 Prozent der Befragten eine Abwehrhaltung gegenüber der Beschäftigung mit den Verbrechen der Deutschen an den Juden im Dritten Reich entwickelt haben (›sekundärer Antisemitismus‹). Eine überraschend hohe Zustimmung erfährt zudem der Vergleich der israelischen Politik mit der Judenvernichtung im Dritten Reich (›NS-vergleichende Israelkritik‹): Über die Hälfte der Befragten stimmen der Aussage zu ›Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes, als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben‹.“

Man tritt den Wissenschaftlern nicht zu nahe, wenn man ihre Hypothese in Zweifel zieht, wonach die Ursachen bei der medialen Darstellung des Konflikts und ihrer „nahezu inflationäre(n) Verwendung von Vergleichen mit dem Nationalsozialismus bei anderen kriegerischen Konflikten“ zu suchen seien. Würden wir dieser Annahme folgen, gäbe es auf unseren Straßen und in den Familien nach dem alltäglichen Konsum von Gewaltmeldungen und den überflüssigen Kriminalfilmen nur Mord und Totschlag. Trotz mancher Zeichen an der Wand sind wir zum Glück (noch) nicht so weit.

Zu Recht werden israelische Versuche zurückgewiesen, den Antisemitismus zur Abwehr politischer Negativurteile zu instrumentalisieren; die „bloße Kritik“, formulieren die Bielefelder etwas vernebelnd, ist noch nicht zwangsläufig mit Antisemitismus gleichzusetzen. Läuft die Manipulation des Gedenkens auf einen Angriff auf die Würde der Ermordeten hinaus, so zielt das antiisraelische Ressentiment auf etwas ganz anderes ab: Auf dem Umweg über Jerusalem und Tel Aviv werden das kollektive Gedächtnis für die deutsche Geschichte und ihre Weiterungen in der Gegenwart geradezu manisch beiseite geschoben. Alte Feindbilder werden in den Nahen Osten transplantiert.

Worauf sind die genannten sozialpsychologischen Phänomene der Israel-Kritik zurückzuführen? Tatsache ist, dass dem Nahostkonflikt höchste Priorität in unseren Medien beigemessen wird, anders ist die Zahl von weit über tausend festen Korrespondenten vor Ort nicht zu erklären, während schwerste Auseinandersetzungen in anderen Weltgegenden ein weit geringeres Interesse auf sich ziehen, jüngstes Beispiel Tschetschenien. Wenn Irak die journalistische Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann macht sie sich zu erheblichen Teilen die militärische Intervention der USA und die Rolle von Paul Wolfowitz und anderen jüdischen Repräsentanten des Neokonservatismus zunutze. „Amerika, dich haßt sich’s besser“ überschreibt der Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits sein neues Buch über Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa. Der Zusammenhang mit deutschen Weltverschwörungstheorien ist offensichtlich. Man werfe einen Blick in die zahlreichen Email-Versandketten, die in schwer erträglicher Manier die Nachrichten aus dem Nahen Osten säuberlich sortieren und damit einem europäischen Ethnozentrismus huldigen, wenn sie ihre „gute Seite“ entmündigen, indem sie diese aus der Verantwortung für ihr Tun und Handeln entlassen – und sie zu Opfern ihres (Vor-)Urteils degradieren.

Das deutsche Volksempfinden ist in Bewegung geraten, schul- und medienpädagogische Programme haben in der Breite versagt. Werner Bergmann und Wilhelm Heitmeyer ermitteln „eine negative Entwicklung des Meinungsklimas“. Die bisherige Kommunikationslatenz – die Scheu vor dem öffentlichen Bekenntnis, das soziale und juristische Sanktionsmechanismen befürchten ließ – ist durch die (Sehn-)Sucht nach „Normalität“ überholt worden. Nicht von ungefähr finden in diesen Wochen und Monaten verbohrte Patriotismus- und Leitidee-Debatten über alle Parteigrenzen hinweg statt, als wären damit die Konsequenzen der Globalisierung in den Griff zu bekommen. Unsere Politiker bezeichnen sie obendrein als Chance, um ihre Ohnmacht zu kaschieren.

Das Vorurteil gegen den „kollektiven Juden“ kreist heute um Israel. Würden Jugendliche und Erwachsene nordafrikanischer Herkunft in Frankreich gefragt, ob ihre gewalttätige Solidarität mit dem palästinensischen Volk Ähnlichkeiten mit der Einflussnahme der jüdischen Lobby in den USA zugunsten Israels aufweise, würde man missbilligende Blicke und die barsche Belehrung ernten, sich gefälligst nicht in innerarabische Angelegenheiten einzumischen – womit wir beim Konstrukt der „umma“, der arabisch-islamischen Gemeinschaft, und der Gefahr sind, dass die religiösen Konnotationen des Konflikts immer stärker zu Tage treten und ihn in die Regelungsunfähigkeit treiben. Die israelische Politik mit all ihren beklemmenden Begleiterscheinungen in den palästinensischen Gebieten der Westbank und des Gazastreifens lässt sich bei gesundem Verstand nicht verteidigen. Aber sie hat wie die Politik jedes anderen Staates den Anspruch, dass ihre Gegner nicht jedes Maß an vernünftiger Urteilskraft fahren lassen und einem skandalösen Populismus verfallen. Wer heute in die israelische Presse schaut, die per Internet jedem tatsächlich Interessierten zugänglich ist, wird sich dem Eindruck nicht verschließen können, dass die „Epidemie“ eines unerträglichen Verhaltens von Soldaten gegenüber palästinensischen Zivilisten und die Frage nach der politische Verantwortung die Schlagzeilen bestimmen.

Der NS-Antisemitismus, der in der Shoah mündete, unterscheidet sich von der Besatzungspolitik Israels grundlegend. Denn die Juden wurden nicht für das, was sie glaubten oder taten, ermordet, sondern dass es sie überhaupt gab. Diese totale Ohnmacht unterscheidet sich fundamental von der Feindlichkeit gegenüber Fremden, denen theoretisch und praktisch mehrere Optionen der Selbstbehauptung zur Verfügung stehen. Insofern ist der Vergleich zwischen ihnen und den Palästinensern erlaubt, wenn diese sich gegen Diskriminierungen und die Verweigerung ihrer Rechte wehren. Mag auch der Einsatz der Gewalt aus strategischen Gründen unterschiedlich zu bewerten sein, so ist er ein faktisches Mittel, auf das die europäischen Juden als Opfer nicht zurückgreifen konnten.

München, den 12.12.2004