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Wie die Hamas lernt, sich anzupassen

von Amira Hass in „Haaretz“-online 10.1.2007

Der Bewohner eines Flüchtlingslagers in Nablus, Mitglied der Fatah, betete für gewöhnlich in einer Moschee, die mit der Hamas in Verbindung gebracht wurde. Als öffentlicher Angestellter ist er einer der zigtausend Menschen, die ihr Gehalt nicht regelmäßig erhalten. Alle paar Tage fand er an seiner Türschwelle ein großzügiges Lebensmittelpaket, das dort von anonymen Wohltätern hinterlegt wurde. In letzter Zeit betete er in einer anderen Moschee, die nicht mit Hamas in Verbindung gebracht wurde. Seitdem gab es keine Pakete mehr. Dies ist eine Geschichte, die zum allgemeinen Eindruck passt, die Hamas finde indirekte Wege, seine Unterstützer zu belohnen.

Solche Eindrücke basieren auf der Vermutung, dass Hamas' Wohltätigkeitsorganisationen seit langem Alternativen zu den offiziellen Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen haben. Wie dem auch sei, die erste der Organisationen, die palästinensischen Familien Hilfe in der Not gewähren, ist die United Nations Relief and Works Agency (UNRWA): Im zweiten Quartal 2006 kamen 45,6 Prozent der Hilfe an palästinensische Familien von der UNRWA. Die zweite auf der Liste ist das palästinensische Wohlfahrtsministerium, mit 14,4 Prozent der Hilfe. Verschiedene Wohlfahrtsorganisationen, (von denen viele mit der Hamas in Verbindung gebracht werden), erbringen nicht mehr als 3.5 Prozent der erbrachten Hilfe. Trotzdem beeinflusst der oben erwähnte Eindruck das Auftreten der Führungskreise der Hamas. Entgegen ihrem Anspruch, „die Regierung des Widerstands gegen die Besatzung" zu sein, im Gegensatz zur „Regierung der Anpassung an die Besatzung" der Fatah, begann die Hamas ihre Vorgängerin bereits in dem Moment zu imitieren, als sie eine Regierung im vorgegebenen Format etablierte, ein Format, das von Yasser Arafats Selbsttäuschung, er leite die Regierung eines "normalen Landes", geformt wurde.

Die Hamas-Regierung hat beispielsweise solche fiktiven Körperschaften wie das Jugend- und das Sport-Ministerium beibehalten, ebenso das Tourismus-Ministerium. Geeignete Ministerien, die, wie versprochen, die Besatzung bekämpfen, wurden nicht geschaffen: zum Beispiel ein Ministerium zur Bekämpfung der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten und ein Ministerium für Familienzusammenführung.

Diese Tendenz zum Wetteifern setzt sich fort in der Welle politischer Besetzungen von Posten in den diversen Ministerien und erreichte einen Höhepunkt in der Schaffung der militärischen „Executive Force" des Innenministeriums. Arafat und Fatah vermehrten inflationär die Anzahl der Sicherheitskräfte, um so Arbeits- und Erwerbslosen-Unterstützung zu umgehen und außerdem loyales Klientel zu schaffen. Als die israelische Armee letzte Woche mitten in Ramallah angriff, wurden die Leute der Präsidentengarde, die sonst jedes Mal, wenn der Konvoi des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde Machmud Abbas (Abu Mazen) durch die Straßen fährt, tätig werden, um den Verkehr umzuleiten, wohl vom Erdboden verschluckt. Auch hinderten weder sie noch irgendwelche anderen Sicherheitskräfte am Sonntag [07.01.2007] Unbekannte daran, etwa 20 Läden im Zentrum von Ramallah in Brand zu setzen.

Was machen die da bei Hamas? Genau dasselbe. Sie etablieren eine eigene Organisation und versprechen, sie auf 12.000 Leute auszuweiten. Auch sie versorgen ihr Klientel.

Die Hamas-Regierung weist die Behauptung zurück, sie verdanke ihre Existenz den Oslo-Verträgen. Gleichzeitig hat sie aber die ungerechte Verteilung des Budgets zwischen zivilen und „Sicherheits-"Ministerien – Arafats Erbe – abgesegnet: 2006 wurde dieses Ungleichgewicht aufrechterhalten, als nur sieben Prozent des Haushalts an das Gesundheitsministerium gingen, im Vergleich dazu gingen 24,3 Prozent an das Ministerium für innere und nationale Sicherheit. Hier ist die von der Oslo-Regierung bestimmte Haushaltsverteilung aus irgendeinem Grunde unantastbar.

Ebenso wie die Leute der Sicherheitskräfte unter der Fatah-Regierung haben Hamas-Sicherheitskräfte nicht nur auf ihre Rivalen, bewaffnete Fatah-Männer, das Feuer eröffnet, sondern auch auf unbewaffnete Demonstranten, die am Donnerstag [04.01.2007] Abend in Djebalya auf die Straße gingen, um die Belagerung des Hauses einer leitenden Persönlichkeit der Fatah durch die Männer der „Executive Forces" aufzuheben. Ein 18jähriger Demonstrant wurde getötet, und etwa dreißig weitere wurden verletzt.

Hinter den rivalisierenden Sicherheitskräften stehen Politiker von Hamas und Fatah, die um die Kontrolle ringen. Die Hamas argumentiert mit Recht, Fatah habe seit den Wahlen alles getan, um einen Putsch herbeizuführen. Die palästinensische Öffentlichkeit hat aber nicht Hamas gewählt, weil diese Israel nicht anerkennt. Sie wählte Hamas, weil sie eine Änderung der Vorgehensweise der unabhängigen Regierung wollte, so begrenzt sie auch sein möge. Im Laufe der Zeit jedoch beweist Hamas immer mehr, dass sie gut ist in Erklärungen, aber schwach darin, sich um ihr Volk insgesamt zu kümmern, und wenn es um die Realität der Besatzung geht, bereit ist, sich anzupassen.

Übersetzung aus dem Hebräischen von Gudrun Weichenhan-Mer

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