„Die Genfer Initiative - ein Modell für einen dauerhaften israelisch-palästinensischen Frieden“

David Grossman

Der Broschüre unter dem Titel „Genfer Initiative“, die Ende November 2003 rund zwei Millionen israelischen Haushalten zugestellt wurde, ist ein Vorwort von David Grossman vorangestellt. Es hat folgenden Wortlaut:

Das Leben, das wir zu leben verdienen

Die Bürger Israels, die zahllose Kriege und fürchterliche Terrorakte überstanden haben, können auf den folgenden Seiten die Chance für einen realen Frieden mit dem palästinensischen Volk und echte Sicherheit in ihrer historischen Heimat finden.

Shalom,
wir, eine Gruppe Israelis und Palästinenser, übergeben hiermit jedem Israeli und jedem Palästinenser das Dokument mit dem Namen ›Genfer Initiative‹ und setzen es auf die Tagesordnung der zwei Regierungen.

Wir sind Bürger, die den endlosen und überflüssigen Krieg, der zwischen uns tobt, satt haben. Wir sind nicht bereit, weiter tatenlos herumzusitzen, während die Radikalen auf beiden Seiten die Verzweiflung, den Hass und das gegenseitige Misstrauen nutzen und uns alle für ihre Zwecke zu Geiseln machen.

Über zwei Jahre lang haben wir uns mit den Ausarbeitung der Initiative beschäftigt. Heute können wir eine Vereinbarung vorlegen, die das umfassendste und vollständigste Dokument ist, das je zwischen Israelis und Palästinensern erarbeitet wurde. Sie umfasst Vorschläge für eine praktische Lösung aller Probleme und der wichtigsten strittigen Punkte, die bisher beide Völker voneinander getrennt haben. Für uns als Israelis ist das Dokument ein Beweis dafür, dass es einen ernsthaften und vertrauenswürdigen Partner für eine Friedensordnung gibt und dass die Chance für einen historischen Kompromiss zwischen den Völkern noch besteht.

Seit über hundert Jahren sind das israelische und das palästinensische Volk in einen blutigen Konflikt verwickelt. Zehntausende haben dabei ihr Leben verloren. Tausende Familien wurden zerstört, viele stürzen in Verzweiflung mit dem Gefühl, dass alles zerbricht und dass sie alles verlieren, was ihnen wertvoll ist. Heute steht die palästinensische Autonomiebehörde vor einem Zusammenbruch, einem Zustand, der Israel zur Wiederbesetzung der Gebiete veranlassen kann. Wenn der Konflikt keine Lösung findet, wird Israel in einigen Jahren vor der Wahl eines nicht-jüdischen oder eines nicht-demokratischen Staates stehen. Das Dokument, das in Euren Händen liegt, schlägt einen Weg vor, diese existentiellen Bedrohungen abzuwenden.

Die Befürchtungen vieler Menschen vor dem Scheitern einer weiteren Friedensinitiative sind uns bewusst. Doch muss jeder in Israel sich ernsthaft fragen, ob die Enttäuschung über den Osloer Prozess dazu führt, dass sich Israel aus der Falle, in der es sich befindet, nicht befreien kann, und ob die gravierenden Fehler der Palästinenser in den letzten drei Jahren Israel dazu verurteilen, machtlos auf seinen Untergang zuzusteuern.

Wir haben keinen Zweifel daran, dass die Mehrheit der Israelis und der Palästinenser die Grenze der Nachgiebigkeit der anderen Seite versteht. Das vor Euch liegende Dokument spiegelt dies wider. Eine Vereinbarung, die die berechtigten Anliegen der einen Seite nicht berücksichtigt und nicht wenigstens einen Teil ihrer Bedürfnisse erfüllt, ist zum Scheitern verurteilt. Deshalb beinhaltet das Dokument auch Vorschläge für Zugeständnisse, die für viele Menschen in beiden Völkern bestimmt mit Schmerzen und Qualen verbunden sind. Es wäre schön, wenn man dies hätte vermeiden können. Doch wir alle sehen heute ein, dass man keinen stabilen Frieden erreichen kann, wenn nur eine Seite einen bedeutungsvollen Verzicht ohne parallele und gleichwertige Zugeständnisse der anderen Seite leistet.

Wir können mit Sicherheit feststellen, dass Israel aus den Zugeständnissen, zu denen es gemäß der ›Genfer Initiative‹ aufgefordert ist, grundlegende Vorteile gewinnt, die keine Vorläufer in den Beziehungen beider Völker hatten.

Zum ersten Mal gibt es eine volle palästinensische Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf einen Staat in Israel und eine Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Zum ersten Mal liegt eine Proklamation für die Beendigung des Konflikts vor, die den Weg zu normalen Beziehungen mit den arabischen Staaten ebnet.

Das Dokument schlägt praktische und detaillierte Lösungen für das Flüchtlingsproblem vor, ein Problem, das bisher jede Chance für eine Vereinbarung verhindert hat. Das Dokument enthält auch eine Zusage, dass ein großer Teil der Juden, die heute jenseits der Grünen Linie leben, in ihren Häusern bleiben und Teil des Staates Israel werden. Es gibt eine palästinensische Verpflichtung, dass der Staat Palästina entmilitarisiert wird und keine ausländischen Truppen dort stationiert werden. Es gibt eine Spezifizierung für einheimische und internationale Verteidigungs-, Überwachungs- und Kontrollapparate, die einen Bruch und eine Zuspitzung verhindern. Diese Mechanismen sind voll autorisiert und sollen dafür sorgen, dass diese Vereinbarung nicht wie ihre Vorgänger an den Hindernissen zerbricht.

Die ersten Reaktionen der breiten Öffentlichkeit in diesem Lande gegenüber dieser Initiative gibt zur Hoffnung Anlass. Es scheint, dass die große Mehrheit in Israel selbst trotz der schweren Meinungsverschiedenheiten die zahlreichen Vorteile des Dokuments erkennt und in ihm eine konkrete Möglichkeit sieht, diesem fortwährenden Alptraum zu entkommen.

Als Israelis glauben wir, dass die Grundlage des Staates Israel auf der Idee beruht, nie mehr Opfer zu werden – weder Opfer der Willkür anderer noch unserer eigenen Ängste, Verzweiflung und Ohnmacht.

Die Bürger Israels, die zahllose Kriege und fürchterliche Terrorakte überstanden haben, können auf den folgenden Seiten die Chance für einen realen Frieden mit dem palästinensischen Volk und wahre Sicherheit in ihrer historischen Heimat finden. Dies ist die große Chance für Israel, einen jüdischen und demokratischen Staat blühend, erfolgreich, gerecht und tolerant neu aufzubauen und zu errichten. So können wir alle, Juden und Araber, uns gemeinsam hier im Lande zum ersten Mal vom Grauen des Krieges und der Vernichtung befreien. So werden wir endlich das Leben leben, das wir verdienen.“

David Grossman

Übersetzung aus dem Hebräischen:
Judith Bernstein, München